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Verkehrsregelung auf Holländisch

An der vielbefahrenen Kreuzung funktioniert die Ampel nicht. In Deutschland stünde in der Mitte ein uniformierter Verkehrspolizist, der von der Straßenverkehrsordnung vorgeschriebene Haltungen einnimmt. Haben wir ja alle für den Führerschein gelernt: beide Arme parallel zur Fahrtrichtung = grün, ein Arm hoch und Seitwärtsdrehung = gelb, beide Arme quer zur Fahrtrichtung = rot.

In Amsterdam tummeln sich auf der Kreuzung ein Niederländer und ein Surinamese, beide in Zivil mit übergeworfener Signalweste. Niemand weiß so recht, was sie da tun. Der Niederländer fuchtelt wild, der Surinamese noch wilder, aber etwas gelenkiger. Mit Winken, Kopfnicken und lautem Trillern auf ihren Pfeifen versuchen sie, mit den Verkehrsteilnehmern zu kommunizieren. Selten weiß der eine, was der andere gerade macht. Gemeinsam mit einigen anderen Radfahrern stehe ich ratlos an der Ampel und warte. Wir grinsen uns gegenseitig an.

Sehr charmant. Ich hoffe nur nicht, dass auch die Lotsen am Flughafen Schiphol nach diesem Modell arbeiten.

Essgewohnheiten

Nilgänse stellen in den Niederlanden ein Problem dar. Ebenso wie Halsbandsittiche, vermehren sich die zugewanderten Vögel wie nichts gutes, fressen den Kühen das Gras auf den Weiden vor der Schnauze weg und machen den Flughafen Schiphol im wahrsten Sinne des Wortes unsicher. Alljährlich werden deshalb zigtausende Gänse abgeschossen. Aber was tun mit all dem Geflügel? Kaufen will es keiner. Letzte Woche wurden mit viel Tamtam erstmals 24 küchenfertig zerlegte Gänse einer gemeinnützigen Tafel überreicht. In den Fernsehnachrichten konnte man sehen, wie eine beleibte Köchin die Fragen der Reporter nach der Zubereitungsweise beantwortete: “Naja, ich schätze, einfach ein halbes Stündchen in der Pfanne braten oder so.” Deutlich bemitleidete der Nachrichtenbeitrag die Armen, die keine Wahl haben, außer Gänsebraten zu essen. Da könnte man ihnen ja auch gleich gebackenen Halsbandsittich servieren.

Gänsebraten isst der gemeine Niederländer nämlich nicht. Sankt Martin wird hier mit Bonbonsammeln begangen, Weihnachten mit “Excellent”-Fertigmahlzeiten von AH (oder mit foie gras…). Beim Großteil der Gänsebratenrezepte, die smulweb.nl verzeichnet, steht vermerkt: “feestmaaltijd uit de duitse keuken”. Na, und das gilt wahrlich nicht als Qualitätsprädikat.

Schon kurios: Da ist man einander so ähnlich, aber bei manchen Dingen so unterschiedlich. Pilze sammeln wäre auch noch so ein Thema. Beim Gedanken an Selbstgepflücktes aus dem Wald wird’s den meisten Niederländern ganz blümerant. Ich erinnere mich, wie ich mal in der Veluwe mit einer Plastiktüten mitten im Wald im Blaubeerparadies stand und andere Spaziergänger mich besorgt fragten, ob ich etwas verloren hätte.

Eislauffieber

“Es stimmt einfach alles: Die Sonne scheint, kein Schnee… Vielleicht kann ich die Kinder am Donnerstag bei meiner Mutter unterbringen. Muss ich halt einen Tag freinehmen. Die renoviert gerade ihr Bad, aber wer weiß, vielleicht kann ich sie ja überreden. In Friesland werden schon ein paar Polder geflutet. Oder ich nehme die Große einfach auf dem Schlitten mit. Müsste auch gehen. Im Waterland dauert es sicher noch ein paar Tage. Die Kanäle in Friesland sind nicht so tief.”

Wenn Niederländer so wirres Zeug reden, wie es meine Nachbarin gestern tat, und es draußen schon seit ein paar Tagen friert, ist das ein typischer Fall von schaatskoorts, also Eislauffieber. Zu den Symptomen gehören Konzentrationsschwäche, Nervosität, Klaustrophobie, manchmal auch ein leichter Verlust des Realitätssinns. Sollte es gar zur Elfstedentocht kommen, wird das ganze Land tagelang lahmgelegt. Und ich? Sitze brav am Schreibtisch. Bin halt doch nur eine Zugezogene.

Amsterdammütze

Die Amsterdammütze ist ein Modephänomen, das alljährlich im Herbst und Winter, ja gar bis Ostern durch die Grachtenstadt geistert. Allenthalben begegnet man jungen Menschen mit Strickmützen, wie sie früher nur peruanische Panflötisten in der Fußgängerzone trugen, verziert mit den umlaufenden Lettern “AMSTERDAM”. Meist handelt es sich bei den Trägern um Spanier oder Italiener im Alter von 18 bis 25 Jahren, die das touristische Modestatement mit großen Sonnenbrillen und filzigen Rastalocken zu kombinieren wissen. Die Homogenität der Trägergruppe ist nicht verwunderlich, machen diese jungen Südländer doch gefühlte 90% der Besucher aus, die sich in den Wintermonaten nach Amsterdam verirren. Milde mediterrane Temperaturen gewöhnt, friert es sie in den nasskalten Niederlanden rasch am Kopfe, während sie von Coffeeshop zu Coffeeshop ziehen. Da sie jedoch keine wärmende Kopfbedeckung besitzen, müssen sie eine solche in einem der vielen Souvenirläden am Damrak oder auf den Wallen erwerben.

So bildet die Amsterdammütze ein Pendant zur Urlaubsmode, die Niederländer (ebenso wie Deutsche) in den Sommermonaten an der Costa Brava, Blanca oder del Sol zur Schau tragen. Schwitzt der gemeine Nordeuropäer bereits bei 27°C und wirft deshalb auch in der Großstadt alles außer bunten Bermudashorts und Flipflops von sich, so fröstelt der Südländer eben schon bei milden 12°C und bedarf einer Wollmütze. Vielleicht rächt er sich sogar bewusst mittels Mützenwahl für die Modesünden, die Angehörige der Gattung homo touristicus in seinem Heimatland begehen? Ach, vermutlich hat der Genuss von Cannabis einfach keinen besonders positiven Einfluss auf das Modebewusstsein.

Schwarzfahrer

Was ist typisch für deutsche Touristen? Dass sie sich beschweren, wenn jemand nett zu ihnen ist.

Ein Grüppchen deutscher Männer steigt beim Muziekgebouw in die Straßenbahn. Einer von ihnen hat kein Ticket und mogelt sich am Schaffner vorbei – der das durchaus bemerkt, aber nichts sagt. “Da nehmen die lieber hunderttausend Schwarzfahrer in Kauf, als ihren Job richtig zu machen”, meckert einer der Männer so laut, dass die halbe Bahn es hört. “Das gäb’s bei uns nicht.”

Wintersport in Holland. Juchhuh!

Für die Nichteingeweihten: Der Vaalserberg ist mit ganzen 322 Metern die höchste Erhebung der Niederlande, und “koek en zopie” sind kleine Verkaufsstände auf dem Eis, an denen Eisläufer warme Getränke, Kuchen oder Erbsensuppe bekommen.

Amsterdam schläft

Alles andere als ein Hotelführer und bislang (bin aber gerade erst auf Seite 17) höchst unterhaltsam ist Amsterdam Slaapt, ein Selbstversuch und daraus hervorgegangenes Buch von Vincent van Dijk. 2010 hat van Dijk all sein Hab und Gut verkauft, um ein Jahr lang jede Nacht in einem anderen Amsterdamer Hotel zu schlafen. “Ein Jahr ohne eigene Wohnung. Wohnen in 365 verschiedenen Hotels. Alle haben mich für verrückt erklärt, und jetzt merke ich, dass sie recht hatten. Das kann kein Mensch ertragen. Diese Unruhe und Regelmäßigkeit. Der Koffer starrt mich verschreckt an.” Hübsch lakonische Beobachtungen über den unterschwelligen Horror von Luxushotels, in denen die Klospülung nicht funktioniert, unnötige Heteroängste im Homohotel sowie die Tokyohaftigkeit von minimalen Designzimmern.

Nächste Woche werde ich Vincent van Dijk interviewen. Natürlich in einer Hotelbar, wo sonst.

Melvin the Machine

Zugegeben, Melvin the Machine, entwickelt von HEYHEYHEY aus Eindhoven, ist nicht neu: Rube Goldberg, Fischli & Weiss and andere lassen grüßen. Was ihn aber von seinen Vorgängern unterscheidet: Melvin macht Fotos von seinem Publikum, die er über Facebook und Twitter verbreitet, und designt auch eigene T-Shirts und Poster.

Alt in Amsterdam

Und plötzlich ging mir auf, dass ich allmählich zum alten Eisen gehöre, denn ich halte beim Radfahren an, wenn ich eine SMS schreibe.

Pflücke die Nacht

Für Pluk de Nacht, das jährliche Freiluftfilmfestival auf dem Stenen Hoofd beim Westerdok, kann man kaum genug Werbung machen. Ein paar provisorische Bars mit Bier und Cocktails, Strandstühle, Wolldecken und ein eher alternatives Filmprogramm (mal großartig, mal grauenhaft) gehören zu der Veranstaltung, die dieses Jahr vom 4. bis 13. August stattfindet. Die Filmvorführungen sind gratis, aber da auch den Herrschaften von Pluk de Nacht nun das Geld ausgeht, kann man mittels einer Spende online einen Strandstuhl reservieren.

Dieses Jahr steht unter anderem der Kurzfilm Las Palmas von Johannes Nyholm auf dem Programm. Dessen Trailer hat gerade dazu geführt, dass ich an einem Montagmorgen um 9 Uhr lauthals lachend am Schreibtisch saß. Passiert mir auch nicht so oft.

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