Es geht doch nichts über den guten, alten Stopptrick: „Cardboard“ von Sjors Vervoort
architecture, design, art – and life in the netherlands
Es geht doch nichts über den guten, alten Stopptrick: „Cardboard“ von Sjors Vervoort
Es gibt doch immer noch neue Bedeutungsfacetten des schönen Wortes gezellig zu entdecken. Soeben in einer Kochsendung gehört:
„Dit zijn hollandse garnalen. Die vind ik toch gezelliger uitzien op het boord dan die bleke noorse garnalen.“
(„Das sind holländische Krabben. Die sehen auf dem Teller irgendwie geselliger aus als so bleiche Nordmeer-Garnelen, finde ich.“)
und 5 Minuten später:
„Ik haal even het ijs uit de vriezer. Anders is het later te hard en ongezellig om op het boordje te scheppen.“
(„Ich hol mal eben das Eis aus dem Gefrierfach. Sonst ist es nachher zu hart und löffelt sich ungesellig auf den Teller.“)
Gerade flattert mir eine Mail über Het Amsterdamse Shirt in die Mailbox. Nein, schön finde ich das Hemd wahrlich nicht, aber mit seinem konservativen Schick passt es prima nach Amsterdam-Zuid und dürfte seine Klientel dementsprechend nicht verfehlen. Es wird sicherlich bald zwischen mittelgescheiteltem Blondhaar und Mokassins den Körper manch eines Managers zieren, der mit einem rosétje in der Hand in einer kordelbewehrten sloep über die Herengracht tuckert. Interessant ist aber vor allem der Slogan „Shirtmakers since the financial crisis 2008″. Das lässt vermuten, dass hinter dem Projekt ein verarmter Manager aus Amsterdam-Zuid steckt. Wie war das doch gleich, „dress for success“?
Dagegen wirken die T-Shirts zur Imagekampagne „I amsterdam“ fast unaufdringlich. Den Hauptpreis gewinnt allerdings das Architekturbüro Powerhouse Company für seine „I rotterdam“-T-Shirts (und das dazugehörige Manifest). Manchmal ist Rotterdam eben doch die sympathischere Stadt.


Im NRC Handelsblad vom vergangenen Samstag gab es einen interessanten Artikel über den Tourismussektor in den Niederlanden. Einigen Diagrammen ließ sich beispielsweise entnehmen, dass Besucher aus Deutschland, Großbritannien, USA, Belgien und Frankreich sich allesamt auf das Niederlande-Klischee „Tulpen, Mühlen, Holzschuhe“ einigen können, während vor allem Amerikaner, Briten und Franzosen das Land auch mit „Architektur und Design“ identifizieren. Bemerkenswert war jedoch vor allem, dass nur die Amerikaner mehrheitlich finden, das kulinarische Angebot in den Niederlanden habe sich verbessert.
Ach ja, die Niederlande und das Essen… Vielsagend ist in diesem Zusammenhang, was Frank Heemskerk, seines Zeichens Staatssekretär für Wirtschaft, im selben Artikel über seine Heimat sagt. „Man kann hier sehr nette Dinge unternehmen: radfahren, wandern; es gibt fantastische Museen, schöne Strände und eine gesellige Gastronomie.“ Gesellige Gastronomie? Ja, denn Geselligkeit ist es, was für den Niederländer im Restaurant zählt – nicht etwa gutes Essen. Wenn man das mal kapiert hat, erklären sich die schluffigen Studenten-Kellner und kulinarischen Fehlgriffe fast von selbst.
„Das Design hat dieselbe Entwicklung durchgemacht wie die plastische Chirurgie. Früher ging es darum, kranke Leute zu heilen. Jetzt geht es vor allem darum, dicke Titten zu produzieren.“
(Marije Vogelzang in der jüngsten Wochenendbeilage des NRC Handelsblad. Wer mehr über die „Essdesignerin“ erfahren will: Hier gibt es einen englischen Artikel von mir als PDF zum Downloaden.)
Hier eine kleine Youtube-Perle: „Zondagmiddag Buitenveldert“ von Frans Halsema aus dem Jahr 1970. So richtig interessant ist das leider nur, wenn man Niederländisch versteht – aber unten (auf „weiterlesen“ klicken) gibt’s den Text nebst dem Versuch einer reimlosen Übersetzung, damit Nichtniederländischsprachige auch ein bisschen was davon haben. Buitenveldert ist jedenfalls ein Amsterdamer Hochhausviertel aus der Nachkriegszeit, das mitten in der Einflugschneise des Flughafens Schiphol liegt. Und wie ich gehört habe, wird eines der Wohnhochhäuser gerade renoviert und soll in Zukunft den Liedtitel auf der Fassade tragen! Kuriose Wahl, denn als Stimmungsmacher kann man „Zondagmiddag Buitenveldert“ eher nicht bezeichnen.
Kleine Dosis holländischer Smalltalk gefällig? Heute morgen stand ich im Aufzug, als die Tür aufging und zwei freundliche ältere Damen in gedeckten Kostümen sich zu mir gesellten. Mit Blick auf meinen unübersehbaren Babybauch entspann sich folgender Dialog:
Dame 1 (verzückt): „Oh, wir sind zu viert!“
Dame 2: „Ja, so lange sie so klein sind, sind sie noch nett…“
Dame 1: „Es gibt aber auch Große, die nett sind!“
Dame 2 (an mich gewandt): „Und falls es sich als kleines Arschloch entpuppt, kannst Du es immer noch ausstopfen lassen.“
Ein Freund machte mich neulich darauf aufmerksam, dass es in Amsterdam-Osdorp eine Gegend mit sehr speziellen Straßennamen gibt. Ich nehme mal an, dass sie zur Zeit der Anlage der Westlichen Gartenstädte entstanden sind, als der Sloterplas ausgehoben und die ehemaligen Polder aufgeschüttet wurden, und die gemeinsame Kraftanstrengung rühmen sollten. Jedenfalls gibt es dort Straßen mit dem Namen „Samenwerking“ (Kooperation), „Geduld“, „Volharding“ (Ausdauer), „Verdraagzaam“ (duldsam), „Opmerkzaam“ (aufmerksam), „Vertrouwen“, „Overleg“ (Beratschlagung), „Inzet“ (Einsatz) – und glücklichweise auch den „Uitwegpad“ (Auswegpfad).
Bei so viel Poldertugenden wird es den Holländern sicher ganz warm ums Herz.
Im Restaurant in Kosice (am letzten Ende der Slowakei, wohin es mich gerade ein paar Tage lang verschlagen hat) gab es heute Mittag eine Auswahl aus gut durchgekochtem Hirschragout mit Reis oder Kohleintopf mit Schweinefleisch. Meine niederländische Tischnachbarin stocherte in ihrer braunen Sauce, um dann festzustellen: „Das ist so richtiges Urlaubsessen.“ „Wieso Urlaubessen?“, fragte ich. Einen Moment lang dachte ich, sie halte ihr undefinierbares Ragout tatsächlich für ein Highlight der slowakischen Küche, das entscheidend zu den Freuden eines Aufenthalts in dieser Stadt beiträgt. Vielleicht war das aber auch nur ironisch gemeint? „Naja, eben so fertiges Essen aus der Dose, das man in Holland kauft und auf dem Campingplatz in Frankreich aufwärmt“, erläuterte sie.
Da wurde mir mal wieder bewusst, dass mich manche holländische Gepflogenheiten auch nach fast zehn Jahren noch überraschen können. Ich frage mich nur, weshalb die auf edel getrimmte „Excellent“-Hausmarke von Albert Heijn noch keine Dosenragout-Kollektion namens „vakantietijd“ zu bieten hat.
„Wenn es eine Krise gibt, sind die Architekten immer als erste betroffen und als letzte wieder erlöst“, meinte neulich ein Bekannter. Angesichts des großen Architekturbüroschrumpfens, das sich gerade um mich herum breitmacht, dürfte er recht haben.
Nun heißt es also ungewöhnliche Aufträge zu finden, die trotz Krise realisiert werden und Schlagzeilen machen. VEDD Architecten ist das zweifellos gelungen. Gestern wurde am Flughafen Schiphol das erste Goldfischhotel der Welt nach Entwurf des Büros eröffnet. Jawohl, ein Goldfischhotel. Nein, es ist nicht der erste April.
Wer seine Reise beim Veranstalter D-Reizen gebucht hat, darf seinen Goldfisch im Hotel unterbringen, während Herrchen im Urlaub ist. Dort mangelt es dem Tierchen an nichts, denn das Hotel bietet allen Luxus, inklusive „Tennisbahn, Schwimmbad mit Rutsche und Restaurant“. Naja, wenn’s den Architekten einen Auftrag gebracht hat…
