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Artikel getaggt mit ‘niederlande’

Funkstille

Es ist mal wieder sehr still geworden in diesem Blog… In der Hochsaison für Architekturführungen bleibt einfach keine Zeit. In den kommenden zehn Tagen werden mein Guide-Team und ich insgesamt 45 Deutsche, 15 Schweizer, 11 Schweden, 120 Norweger und 21 Dänen teils mehrtägig durch die niederländische Architekturwelt geleiten. Ich verspreche hoch und heilig, danach wieder mehr zu posten…

Bottom-up Glamour

‘Popo hoch’ ist das neue Motto in den Niederlanden. In der Wirtschaftskrise sind ‘Bottom up’-Strategien auf einmal der letzte Schrei. An allen Ecken wird gestadtgärtnert, werden temporäre und/oder aus Restmaterialien gebaute Pavillons in den öffentlichen Raum gestellt, werden an ehemaligen Unorten Cafés oder Restaurants eröffnet. Gemeinden und Politiker sind begeistert und geloben Unterstützung. Das ist einerseits schön, birgt aber andererseits die Gefahr, dass Bottom-up zu einer billigen Ausrede dafür wird, dass Staat und Gemeinden sich immer mehr aus der Verantwortung stehlen. Jahrelang konnte kein Projekt kommerziell genug sein, konnte Baugrund gar nicht teuer genug verkauft werden und wurde kein Stückchen Stadt herausgerückt. Aber nun, da das Geld fehlt, verkündet eine Vertreterin des Rotterdamer Stadtrats gestern auf einmal, dass sie die Anlage von Stadtäckern fördern will.

Damit mich jetzt keiner falsch versteht: Bottom-up macht Spaß und ist im Prinzip großartig – nur nicht, wenn es instrumentalisiert wird. Natürlich ist es mehr als lobenswert, wenn Anwohner auf dem Müllerpier einen Park anlegen, weil die Brache am Kopf des Piers in den nächsten Jahren nicht bebaut werden wird. Damit wird ein Stück öffentlicher Raum geschaffen, von dem alle etwas haben und der gut funktioniert. Aber zur Zeit applaudieren die Gemeinden einfach wahllos bei allem, was sie kein Geld kostet und ihnen einen Grund verschafft, die Verantwortung an den einzelnen Bürger abzutreten. Urbaner Kopfsalat als Lösung für die Wirtschaftskrise? In Kuba mag das Hand und Fuß haben, aber in den Niederlanden?

Eine etwas andere Herangehensweise an Bottom-up vertritt die Architektin Saskia Beer mit ihrer Initiative Glamourmanifest. Sie hat sich eines der zahlreichen trostlosen Büroviertel im Südosten Amsterdams angenommen, in denen viel Büroraum leer steht und abends die Bürgersteige hochgeklappt werden. Dort verteilt sie goldene Gartenzwerge, um auf Problemstellen mit Potenzial hinzuweisen, veranstaltet Blumenzwiebelpflanzfestivals, lockt mobile Espressobars in die Bürowüste. Der Unterschied zu anderen Initiativen ist, dass Glamourmanifest nicht im geringsten nach Protest riecht. Im Gegenteil: Beer bezieht Makler und Projektentwickler erfolgreich in ihre Veranstaltungen ein (wobei es vermutlich helfen dürfte, dass jede Glamourmanifest-Aktivität mit Champagner begossen wird). Damit hat Beer eine clevere Nische aufgetan: Bottom-up ohne antikommerzielle Haltung. Ich prophezeie ihr eine goldene Zukunft.

Verkehrsregelung auf Holländisch

An der vielbefahrenen Kreuzung funktioniert die Ampel nicht. In Deutschland stünde in der Mitte ein uniformierter Verkehrspolizist, der von der Straßenverkehrsordnung vorgeschriebene Haltungen einnimmt. Haben wir ja alle für den Führerschein gelernt: beide Arme parallel zur Fahrtrichtung = grün, ein Arm hoch und Seitwärtsdrehung = gelb, beide Arme quer zur Fahrtrichtung = rot.

In Amsterdam tummeln sich auf der Kreuzung ein Niederländer und ein Surinamese, beide in Zivil mit übergeworfener Signalweste. Niemand weiß so recht, was sie da tun. Der Niederländer fuchtelt wild, der Surinamese noch wilder, aber etwas gelenkiger. Mit Winken, Kopfnicken und lautem Trillern auf ihren Pfeifen versuchen sie, mit den Verkehrsteilnehmern zu kommunizieren. Selten weiß der eine, was der andere gerade macht. Gemeinsam mit einigen anderen Radfahrern stehe ich ratlos an der Ampel und warte. Wir grinsen uns gegenseitig an.

Sehr charmant. Ich hoffe nur nicht, dass auch die Lotsen am Flughafen Schiphol nach diesem Modell arbeiten.

Ferienhaus im Moor

Die Loosdrechtsen Plassen sind ein Seengebiet nahe Utrecht, das durch die Torfstecherei entstanden ist. Typisch für diese Gebiete, die es in den Niederlanden mehrfach gibt, ist die Kammstruktur des Landes, das nach dem Ausbaggern des Moores übriggeblieben ist. Wie lange, spinnendünne Finger ragen die Halbinseln ins Wasser.

Auf einer solchen schmalen Insel, die ganze 5 mal 100 Meter misst, haben 2by4 architects ein Ferienhaus gebaut. Das Häuschen besteht scheinbar nur aus einem Satteldach und zwei komplett verglasten Fassaden, durch die sich der Blick auf die Landschaft öffnet. Der Trick ist, dass die Nordfassade bei schönem Wetter aufgefaltet werden kann, so dass das einzige Zimmer zum überdachten Bootsanleger wird.

Essgewohnheiten

Nilgänse stellen in den Niederlanden ein Problem dar. Ebenso wie Halsbandsittiche, vermehren sich die zugewanderten Vögel wie nichts gutes, fressen den Kühen das Gras auf den Weiden vor der Schnauze weg und machen den Flughafen Schiphol im wahrsten Sinne des Wortes unsicher. Alljährlich werden deshalb zigtausende Gänse abgeschossen. Aber was tun mit all dem Geflügel? Kaufen will es keiner. Letzte Woche wurden mit viel Tamtam erstmals 24 küchenfertig zerlegte Gänse einer gemeinnützigen Tafel überreicht. In den Fernsehnachrichten konnte man sehen, wie eine beleibte Köchin die Fragen der Reporter nach der Zubereitungsweise beantwortete: “Naja, ich schätze, einfach ein halbes Stündchen in der Pfanne braten oder so.” Deutlich bemitleidete der Nachrichtenbeitrag die Armen, die keine Wahl haben, außer Gänsebraten zu essen. Da könnte man ihnen ja auch gleich gebackenen Halsbandsittich servieren.

Gänsebraten isst der gemeine Niederländer nämlich nicht. Sankt Martin wird hier mit Bonbonsammeln begangen, Weihnachten mit “Excellent”-Fertigmahlzeiten von AH (oder mit foie gras…). Beim Großteil der Gänsebratenrezepte, die smulweb.nl verzeichnet, steht vermerkt: “feestmaaltijd uit de duitse keuken”. Na, und das gilt wahrlich nicht als Qualitätsprädikat.

Schon kurios: Da ist man einander so ähnlich, aber bei manchen Dingen so unterschiedlich. Pilze sammeln wäre auch noch so ein Thema. Beim Gedanken an Selbstgepflücktes aus dem Wald wird’s den meisten Niederländern ganz blümerant. Ich erinnere mich, wie ich mal in der Veluwe mit einer Plastiktüten mitten im Wald im Blaubeerparadies stand und andere Spaziergänger mich besorgt fragten, ob ich etwas verloren hätte.

Eislauffieber

“Es stimmt einfach alles: Die Sonne scheint, kein Schnee… Vielleicht kann ich die Kinder am Donnerstag bei meiner Mutter unterbringen. Muss ich halt einen Tag freinehmen. Die renoviert gerade ihr Bad, aber wer weiß, vielleicht kann ich sie ja überreden. In Friesland werden schon ein paar Polder geflutet. Oder ich nehme die Große einfach auf dem Schlitten mit. Müsste auch gehen. Im Waterland dauert es sicher noch ein paar Tage. Die Kanäle in Friesland sind nicht so tief.”

Wenn Niederländer so wirres Zeug reden, wie es meine Nachbarin gestern tat, und es draußen schon seit ein paar Tagen friert, ist das ein typischer Fall von schaatskoorts, also Eislauffieber. Zu den Symptomen gehören Konzentrationsschwäche, Nervosität, Klaustrophobie, manchmal auch ein leichter Verlust des Realitätssinns. Sollte es gar zur Elfstedentocht kommen, wird das ganze Land tagelang lahmgelegt. Und ich? Sitze brav am Schreibtisch. Bin halt doch nur eine Zugezogene.

Niederländische Radwege

Auch ich habe Radwege in den Niederlanden stets als Selbstverständlichkeit hingenommen. Dass sie das nicht immer waren, sondern eigentlich ein Produkt der ausgeprägten Demo-Kultur der 70er sind, lehrt dieses interessante Filmchen. Wenn die Niederländer doch noch immer so protestfreudig wären…

KZ-Design von Studio Job

PR-trächtige Provokationen, die unter dem Deckmäntelchen der Meinungsfreiheit verkauft werden, locken mich nach diversen Jahren in diesem Land eigentlich nicht mehr hinter dem Ofen hervor. Wie oft wird “moet kunnen” als Rechtfertigung für die platteste Zehentrampelei herangezogen. Ausgerecht ein Auftritt von Job Smeets und Nynke Tynagel, die gemeinsam als Studio Job firmieren, bei der Talkshow De Wereld Draait Door hat mich nun aber doch sprachlos gemacht.

Studio Job gehört zu jenen internationalen Designkunststars, deren Editionen bei Messen wie Design Miami für Zigtausende verkauft werden. Bekannt geworden sind sie mit Objekten, die mit subversiven grafischen Ornamenten überzogen waren. Die Ornamente stellten alles mögliche dar, von Gegenständen des täglichen Gebrauchs über Insekten bis hin zu Katzenskeletten, und ließen sich oft erst bei näherem Hinsehen identifizieren, woraus sich eine ganz interessante Spannung ergab. In letzter Zeit wurden die Objekte von Studio Job immer skulpturaler, goldener und größer und bewegten sich ausdrücklich auf der Grenze zwischen Design, Kunst und Kitsch.

Bei De Wereld Draait Door haben sie nun einen ihrer jüngsten Entwürfe präsentiert, der wiederum gegenständliche Ornamentik zum Thema hat. Es handelt sich um einen Zaun in Stacheldrahtoptik, in den ein von Schornsteinen samt Rauch flankiertes Tor integriert ist, über dem “suum cuique” (“Jedem das Seine”) steht. So. Jetzt schlucken wir alle mal kurz. Damit nicht genug, zeigten sie auch noch eine Tischdecke mit Stacheldrahtmotiv, deren vier Ecken von Wachttürmen geziert werden. Verständnislos berichtete Job Smeets, dass das Groninger Museum das gute Stück nicht haben wollte. “Nur weil es im Restaurant gelegen hätte. 50 Meter weiter, in den Museumssälen, wäre es wahrscheinlich kein Problem gewesen. Wieso muss Design immer nett sein?”.

Ach, Job. Haben die Katzenskelette nicht mehr genug Aufsehen erregt? Vielleicht fand das Museum die Tischdecke einfach nicht besonders gelungen? Design muss nicht nur Styling sein, aber derart platte Provokationen geben nun einmal ziemlich schlechtes Design ab. Und sie als Kunst zu kategorisieren hilft auch nicht, denn als Kunst sind sie nur noch viel schlechter. Vielleicht ist es nun doch mal an der Zeit, dass der Designkunst-Hype durch etwas Substanzreicheres ersetzt wird.

Den Talkshow-Ausschnitt kann man hier sehen (ab 2:50) – embedden klappt leider nicht. Gestern gab es sogar noch eine Fortsetzung.

Relativ bescheiden

Hübsche und erhellende Grafiken von Mediamatic, die zeigen, wie sich die Kulturkürzungen des niederländischen Kabinetts zu anderen Ausgaben verhalten:

Subventionskürzungen

Für meinen Geschmack etwas zuviel Schwerpunkt auf darstellende Kunst, aber trotzdem sehr lesenswert: Die Subventionskürzungen im niederländischen Kunstbereich. Mit dem Rücken zum Publikum? bei www.nachtkritik.de

Vor allem diese Beobachtung des Autors Simon van den Berg trifft den Nagel auf den Kopf:

Es ist wichtig zu begreifen, dass in den Niederlanden die Debatte um die Künste zwischen konservativen und progressiven Kräften nie den bekannten europäischen Auseinandersetzungen um klassische versus moderne Positionen folgte. Das politische Interesse an den Künsten ist hier traditionell vage; linke Parteien nahmen die Künste nur insoweit ernst, wie sie ihrer eigenen Agenda nahe standen (Kunst klärt auf, führt Menschen zusammen, überwindet Gegensätze etc.); rechte Kräfte betrachteten die Künste als Luxus und forderten Künstler dazu auf, sich selbst am Markt durchzusetzen oder sich einen einträglicheren Beruf zu suchen.

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