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In Almost Every Picture 7

Die Buchserie In Almost Every Picture, zusammengetragen und herausgegeben vom Amsterdamer Werbeagentur-Besitzer Erik Kessels, dürfte inzwischen hinlänglich bekannt sein. Angefangen hat alles mit einem Satz Urlaubsfotos, die ein unermüdlicher Mann in den fünfziger Jahren machte und die Kessels irgendwann auf einem Flohmarkt in Barcelona fand. Auf so gut wie jedem Bild posiert die Gattin vor Urlaubskulisse – amateuristisch, aber dafür umso rührender. In ihrer Serialität wirkt die Fotosammlung fast wie Konzeptkunst.

Nun kommt bereits der siebte Band von In Almost Every Picture heraus, und er verspricht großartiges. Dieses Mal ist es keine unbewusste, sondern eine sehr bewusste Serie. Die Künstlerin Ria van Dijk fotografiert sich seit 1936 (!) regelmäßig am Schießstand auf dem Jahrmarkt. Die Kamera wird immer dann automatisch ausgelöst, wenn sie ins Schwarze trifft. Hier gibt es eine ganze Reihe der Fotos zu sehen. Zu schön, wie Ria immer dieselbe Haltung und denselben Gesichtsausdruck annimmt, sich aber sonst alles, von ihrem Alter bis hin zu den Frisuren der Zuschauer und der Standeinrichtung, allmählich verändert.

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Breda, Juli 1953

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City Visions

Die halbe letzte Woche habe ich in Belgien verbracht, genauer gesagt in Mechelen, wohin mich eine Konferenz vom Berlage Institut lockte. Es ging um mittelgroße europäische Städte und wie sie ihre Stadtentwicklung vorantreiben können, ohne sich schlicht eine Starchitektur-Ikone à la Gehry oder Calatrava ans Revers zu heften.

Das Berlage Institut hat aus diesem Anlass eine empfehlenswerte Ausstellung namens History and Future of the European City in einer alten Fußgängerunterführung vor dem Bahnhof von Mechelen eingerichtet. In großen Leuchtkästen werden Fotos, Karten und Hintergrundinfos über Mechelen, Bordeaux, das tschechische Pilsen und das slowakische Kosice gezeigt, also jene Städte, mit denen sich die Konferenz beschäftigte und mit denen sich auch eine längere Studie unter dem Titel City Visions auseinandersetzen wird.

In der ruppigen Unterführung sah das sehr dekorativ aus. Sehr dekorativ ist auch die St. Rombouts-Kathedrale auf dem Grote Markt sowie das Konferenzzentrum Lamot in einer alten Brauerei, die  vom belgischen Büro 51n4e umgebaut wurde.

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Koninginnedag

Nächsten Donnerstag ist es wieder so weit. Dann ist Koninginnedag, und Amsterdam wird in Oranje-Taumel und Heineken-Seligkeit versinken. Eigentlich gibt es – ähnlich wie in den 90ern bei der Love Parade in Berlin oder beim Karneval in Köln – nur zwei Optionen: die Beine in die Hand nehmen, um so schnell wie möglich die Stadt zu verlassen, oder mitmachen.

Im Grunde bin ich kein großer Fan des stumpfen Gejohles, Gekumpels und Wildgepinkels, das an diesem Tag von der Stadt Besitz ergreift. Aber offenbar sehen das ein paar prominente Persönlichkeiten aus der Weltpolitik anders, wie die neuesten Gratis-Postkarten von Boomerang beweisen, die mir gestern in einem Café in die Hände fielen.

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In den Tulpen

Ich sitze im ganz und gar nicht schnellen sneltrein von Amsterdam nach Rotterdam und wir haben gerade den Provinzbahnhof von Heemstede-Aerdenhout hinter uns gelassen. Im April ist das Grund zur Freude, denn in der nächsten Viertelstunde fährt der Zug mitten durch Tulpenfelder. Ich kenne die Strecke schon: Erst taucht eine Wiese auf, an deren Ende ein Herrenhaus im Wald steht, dann folgen die ersten bunten Streifen. Zunächst noch ein zögerlich blasses Pink, dann ein schmaler fliederfarbener Strich auf einem Acker. Schade, ist wohl doch noch nicht so weit. Aber dann ist plötzlich die gesamte Landschaft bunt gestreift.

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„Ik zit in de bloemen“ ist das niederländische Pendant zu „Ich mache in Blumen“, und hier kann man verstehen, wieso die Holländer gleich in ihrer Handelsware sitzen wollen. Saftig rot und gelb, weiß, orange, lila bis zum Horizont. Mittendrin steht eine kilometerlange, schnurgrade Reihe weißer Wohnmobile, denn dort liegt die Landstraße. In Deutschland mag man meinen, alle Niederländer besäßen Wohnwagen, aber im Frühjahr fädelt niemand sich so gern im Wohnmobil durch holländische Tulpenfelder wie die Deutschen. Ich schaue wieder auf die Farbstreifen, die wie ein Testbild an mir vorbeiziehen. Bis nach Voorschoten, da ist Schluss.

Auf dem Rückweg aus Rotterdam teile ich mir den Waggon unter anderem mit einem Haufen überdreht giggelnder türkischer Mädchen. Aus ihrem Handy plärrt ein R&B-Mäuschen. Die Jungs daneben finden das nicht schön und fangen einen Streit an. Man wünscht sich gegenseitig viele Krankheiten an den Hals. Irgendwann fliegt ein Handy mit Wucht durch den Waggon und zerschellt unter einer Bank, woraufhin einer der Jungs auf eines der Mädchen einzuschlagen beginnt. Es wehrt sich und schlägt zurück. Eine Mitreisende greift ihre Tasche und verlässt fluchtartig den Waggon. Ein paar Männer halten den Jungen fest. Der Geräuschpegel steigt; die Mädchen keifen unanständige Dinge über die Mutter des Schlägers. Seine Nase blutet. In Den Haag steigen alle aus.

Hinter Voorschoten kommen wieder die Tulpenfelder ins Bild. Gelb, rot, gelb, weiß, pink, violett, rot. Der Zug zuckelt durch einen knallbunten Barcode, dessen säuberlich getrennte Farbstreifen selbst im Vorbeifahren kaum verschwimmen. Wieso ist das bloß so beruhigend?

Krater

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Fahrradständer mit Poesie im nordholländischen Dorf Groet.

Wörtliche Übersetzung:
„Socken voller Sand
Haare steif vom salzigen Wasser
Ein östlicher Nachbar gräbt seinen Krater
Auch das ist der Nordseestrand“

Der östliche Nachbar ist natürlich ein Deutscher und der Krater seine Strandkuhle. Strandkuhle? Aus irgendeinem Grund hält sich in den Niederlanden hartnäckig die Legende, alle Deutschen grüben sich am Strand Kuhlen, in die sie sich dann legten. Persönlich habe ich das, ehrlich gesagt, noch nie gesehen. Oder bin ich so deutsch, dass ich eine Kuhle nicht einmal als solche erkenne?

Ostereihase

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Von Stank zu Spaß

Wer zur Zeit mit der Straßenbahn aus der Innenstadt nach IJburg fährt, sieht kurz nach dem Piet-Hein-Tunnel auf dem Zeeburgereiland drei einsame Betonzylinder in der Bauwüste stehen. Sie waren einmal Teil einer Kläranlage (bei Googlemaps gibt es noch ein altes Satellitenfoto). Als IJburg ganz frisch angelegt war, war die Anlage noch in Betrieb und nebelte bei Westwind (der hier eigentlich immer herrscht) das Inselreich mit deftigem Güllegeruch ein. Vor einigen Jahren wurde sie aus nachvollziehbaren Gründen verlegt. Auf dem Zeeburgereiland soll nun ein neues Wohnviertel entstehen – rundum die stehen gebliebenen Silos.

Wie heute bekannt wurde, werden die Silos zu einem multifunktionalen Kulturzentrum umgebaut, inklusive Kino, Theater, Läden, Dachspielplatz und einer Filiale des Familienrestaurants Praq. Entworfen wurde das ganze vom Architekturbüro Arons & Gelauff, This is Jane/Janneke Hooymans und Rob Aben. Die Eröffnung des ersten Teils des Projekts ist für 2011 geplant.
Renderings: Arons & Gelauff architecten/Pixel Pool

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