Zum Inhalt springen

In den Tulpen

Ich sitze im ganz und gar nicht schnellen sneltrein von Amsterdam nach Rotterdam und wir haben gerade den Provinzbahnhof von Heemstede-Aerdenhout hinter uns gelassen. Im April ist das Grund zur Freude, denn in der nächsten Viertelstunde fährt der Zug mitten durch Tulpenfelder. Ich kenne die Strecke schon: Erst taucht eine Wiese auf, an deren Ende ein Herrenhaus im Wald steht, dann folgen die ersten bunten Streifen. Zunächst noch ein zögerlich blasses Pink, dann ein schmaler fliederfarbener Strich auf einem Acker. Schade, ist wohl doch noch nicht so weit. Aber dann ist plötzlich die gesamte Landschaft bunt gestreift.

tulpen

„Ik zit in de bloemen“ ist das niederländische Pendant zu „Ich mache in Blumen“, und hier kann man verstehen, wieso die Holländer gleich in ihrer Handelsware sitzen wollen. Saftig rot und gelb, weiß, orange, lila bis zum Horizont. Mittendrin steht eine kilometerlange, schnurgrade Reihe weißer Wohnmobile, denn dort liegt die Landstraße. In Deutschland mag man meinen, alle Niederländer besäßen Wohnwagen, aber im Frühjahr fädelt niemand sich so gern im Wohnmobil durch holländische Tulpenfelder wie die Deutschen. Ich schaue wieder auf die Farbstreifen, die wie ein Testbild an mir vorbeiziehen. Bis nach Voorschoten, da ist Schluss.

Auf dem Rückweg aus Rotterdam teile ich mir den Waggon unter anderem mit einem Haufen überdreht giggelnder türkischer Mädchen. Aus ihrem Handy plärrt ein R&B-Mäuschen. Die Jungs daneben finden das nicht schön und fangen einen Streit an. Man wünscht sich gegenseitig viele Krankheiten an den Hals. Irgendwann fliegt ein Handy mit Wucht durch den Waggon und zerschellt unter einer Bank, woraufhin einer der Jungs auf eines der Mädchen einzuschlagen beginnt. Es wehrt sich und schlägt zurück. Eine Mitreisende greift ihre Tasche und verlässt fluchtartig den Waggon. Ein paar Männer halten den Jungen fest. Der Geräuschpegel steigt; die Mädchen keifen unanständige Dinge über die Mutter des Schlägers. Seine Nase blutet. In Den Haag steigen alle aus.

Hinter Voorschoten kommen wieder die Tulpenfelder ins Bild. Gelb, rot, gelb, weiß, pink, violett, rot. Der Zug zuckelt durch einen knallbunten Barcode, dessen säuberlich getrennte Farbstreifen selbst im Vorbeifahren kaum verschwimmen. Wieso ist das bloß so beruhigend?

Bisher keine Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: