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Archiv für

Gesellige Garnelen

Es gibt doch immer noch neue Bedeutungsfacetten des schönen Wortes gezellig zu entdecken. Soeben in einer Kochsendung gehört:

„Dit zijn hollandse garnalen. Die vind ik toch gezelliger uitzien op het boord dan die bleke noorse garnalen.“
(„Das sind holländische Krabben. Die sehen auf dem Teller irgendwie geselliger aus als so bleiche Nordmeer-Garnelen, finde ich.“)

und 5 Minuten später:

„Ik haal even het ijs uit de vriezer. Anders is het later te hard en ongezellig om op het boordje te scheppen.“
(„Ich hol mal eben das Eis aus dem Gefrierfach. Sonst ist es nachher zu hart und löffelt sich ungesellig auf den Teller.“)

Haus Bierings von Rocha Tombal

Am Sonntag brachte mich ein Autobahnabstecher nach Leidsche Rijn, das größte Vinex-Gebiet der Niederlande nahe Utrecht. Nur so, um mal wieder zu schauen, was sich dort tut. Das war ziemlich ernüchternd, denn wir landeten ausgerechnet im Viertel Terwijde, das ganz im Retrostil gebaut ist. Enge Sträßchen, nachgemachte Sprossenfenster, nostalgische Laternen – aber sobald man mal in einen Hinterhof schaut, ist es aus mit der Nostalgie, denn dort regieren die Sparmaßnahmen. Beinahe noch schlimmer (und das gilt für ganz Leidsche Rijn) ist das hierarchielose Straßennetz, das pur auf Anliegerverkehr ausgelegt ist. Fast hätten wir zwischen Brezelwegen, Parkstraßen, Sackgassen und Busspuren nicht mehr zur Autobahn zurückgefunden. Lost in Leidsche Rijn, oh je…

Ein Highlight gab es dann aber doch, und zwar das Haus Bierings von Rocha Tombal. Das skulpturale Holzhaus thront als einsame Schönheit mitten zwischen gesichtslosen Einfamilienhäusern – was auf den schicken Profifotos von Christian Richters natürlich mal wieder ausgeblendet ist, deshalb hier ein paar dilettantische Handy-Schnappschüsse.

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Rocha Tombal? Hatte ich noch nie gehört. Ich habe aber ohnehin den Eindruck, dass sich in letzter Zeit eine Zersplitterung der niederländischen Architekturszene vollzieht. Während die großen Stars fast nur noch im Ausland bauen und die mittelgroßen Büros es hauptsächlich den Projektentwicklern recht machen, werden die wirklich interessanten Projekte von unbekannten jungen Büros gebaut. Schade ist, dass sie danach oft wieder in der Versenkung verschwinden, weil kein entsprechender Folgeauftrag kommt. Hoffen wir mal, dass Rocha Tombal keine Eintagsfliege bleibt.

Belohnung

Als sich mein Freund gestern per Fahrrad der Fähre nach Amsterdam-Noord näherte, wurde er von einem freundlichen jungen Mann angesprochen. „Wir sind von der Stadt Amsterdam und möchten alle Radfahrer dafür belohnen, dass sie sich auf umweltbewusste Weise fortbewegen!“ Dann bot man ihm die Wahl aus drei kleinen Geschenken: eine PET-Flasche mit Mineralwasser, zwei Wegwerf-Fahrradlampen oder eine Regenschutzhülle für den Fahrradsattel, natürlich aus Plastik. Noch Fragen?

Letztes Hemd

Gerade flattert mir eine Mail über Het Amsterdamse Shirt in die Mailbox. Nein, schön finde ich das Hemd wahrlich nicht, aber mit seinem konservativen Schick passt es prima nach Amsterdam-Zuid und dürfte seine Klientel dementsprechend nicht verfehlen. Es wird sicherlich bald zwischen mittelgescheiteltem Blondhaar und Mokassins den Körper manch eines Managers zieren, der mit einem rosétje in der Hand in einer kordelbewehrten sloep über die Herengracht tuckert. Interessant ist aber vor allem der Slogan „Shirtmakers since the financial crisis 2008“. Das lässt vermuten, dass hinter dem Projekt ein verarmter Manager aus Amsterdam-Zuid steckt. Wie war das doch gleich, „dress for success“?

Dagegen wirken die T-Shirts zur Imagekampagne „I amsterdam“ fast unaufdringlich. Den Hauptpreis gewinnt allerdings das Architekturbüro Powerhouse Company für seine „I rotterdam“-T-Shirts (und das dazugehörige Manifest). Manchmal ist Rotterdam eben doch die sympathischere Stadt.

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Dutch Profiles

Dass „Dutch Design“ inzwischen zur Marke geworden ist, brauche ich hier wohl nicht mehr breitzutreten. Aber hin und wieder kann mich das Designmarketing-Talent der Niederländer doch noch überraschen. Jüngstes Beispiel ist die Website Dutch Profiles, auf der man sich sehr professionell produzierte Filmchen über die Arbeit einiger niederländischer Designer und Architekten ansehen kann – von NL Architects bis Dick Bruna und von G-Star bis Jurgen Bey. Bisher stehen erst 16 Filme auf der Site, aber es sollen stetig mehr werden. Dahinter steht die neue Organisation DutchDFA, die zur Förderung der niederländischen Kreativwirtschaft gegründet wurde. Wie sagte doch Martí Guixé mal zu mir? „In Spanien werden wir nicht so gut vermarktet wie zum Beispiel niederländische Designer. Einem niederländischen Designer mit Talent steht die ganze Welt offen.“

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Stadskantoor Rotterdam

Die Shortlist für den Umbau des stadskantoor in Rotterdam ist bekannt. Dank des EU-Ausschreibungsverfahrens, das ein üppiges Umsatzminimum für die teilnehmenden Architekturbüros vorschrieb, stehen darauf keine Überraschungen, sondern fünf der üblichen Verdächtigen: OMA, Mecanoo, SeArch, Meyer en Van Schooten und Claus en Kaan.

Es hätte schlimmer, aber sicher auch spannender kommen können. Meyer en Van Schooten liefern mit ihrem Entwurf eine Neuauflage von Richard Meiers Rathaus in Den Haag, Mecanoo historisieren ein wenig, Claus en Kaan halten sich minimalistisch-bedeckt, SeArch warten mit grünem Wackelpudding auf.

Und dann wäre da noch der Beitrag von OMA. Kann sich noch jemand an die Bauwerke der Doozer aus der Kinderserie Die Fraggles erinnern?

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Gesellige Gastronomie

Im NRC Handelsblad vom vergangenen Samstag gab es einen interessanten Artikel über den Tourismussektor in den Niederlanden. Einigen Diagrammen ließ sich beispielsweise entnehmen, dass Besucher aus Deutschland, Großbritannien, USA, Belgien und Frankreich sich allesamt auf das Niederlande-Klischee „Tulpen, Mühlen, Holzschuhe“ einigen können, während vor allem Amerikaner, Briten und Franzosen das Land auch mit „Architektur und Design“ identifizieren. Bemerkenswert war jedoch vor allem, dass nur die Amerikaner mehrheitlich finden, das kulinarische Angebot in den Niederlanden habe sich verbessert.

Ach ja, die Niederlande und das Essen… Vielsagend ist in diesem Zusammenhang, was Frank Heemskerk, seines Zeichens Staatssekretär für Wirtschaft, im selben Artikel über seine Heimat sagt. „Man kann hier sehr nette Dinge unternehmen: radfahren, wandern; es gibt fantastische Museen, schöne Strände und eine gesellige Gastronomie.“ Gesellige Gastronomie? Ja, denn Geselligkeit ist es, was für den Niederländer im Restaurant zählt – nicht etwa gutes Essen. Wenn man das mal kapiert hat, erklären sich die schluffigen Studenten-Kellner und kulinarischen Fehlgriffe fast von selbst.