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Normaal Amsterdams Peil

Spät, aber nicht zu spät möchte ich noch eine kleine Hommage an Charlotte posten, meine kraamverzorgster – was laut Wikipedia als „Mütterpflegerin“ übersetzt wird.

Mit Charlotte trat am Tag nach Paulas Geburt so viel Holland in mein Leben wie noch nie zuvor. Sie war der fleischgewordene Normaal Amsterdams Peil (NAP, also Amsterdamer Pegel). Morgens um halb zehn klingelte es, und draußen stand eine rundliche, tatkräftige Person in weißer Pflegerinnen-Kluft, die trotz Herbstwetter nur ein paar Birkenstocks an den nackten Füßen trug. Sie kam ins Schlafzimmer, setzte sich ans Bett, fragte nach meinem Befinden und bot an, Kartoffeln fürs Abendessen zu schälen. Ich lehnte dankend ab und erklärte, dass wir nicht unbedingt jeden Abend Salzkartoffeln essen, was sie leicht befremdet zur Kenntnis nahm. Als nächstes erkundigte sich Charlotte, wann denn heute die Verwandtschaft und die Nachbarn zur kraamvisite kämen. Ich erklärte, dass die Verwandtschaft in Deutschland wohne, dass auch mit Besuchen von Freunden frühestens in ein paar Tagen zu rechnen sei und dass ich darüber, gelinde gesagt, gottfroh wäre.

Damit war klar, dass wir anders waren. Wenn auch nicht ganz so anders wie die marokkanischen Familien, an die Charlotte in Amsterdam manchmal geriet („Da darf ich gar nichts tun, muss nur auf dem Sofa sitzen und Tee trinken und den ganzen Tag den neugeborenen Sohn bewundern“).

Charlotte kam aus dem nordholländischen Dorf Obdam und sprach einen amüsanten Dialekt, der sich dadurch auszeichnete, dass „k“ gerne mal zu „i“ wurde („maaien“ statt „maken“). Früher hatte sie als Altenpflegerin gearbeitet, dann aber auf kraamzorg umgeschult. Seither war ihr das Zubereiten von beschuit met muisjes offenbar in Fleisch und Blut übergegangen, so dass ich in der folgenden Woche ungefähr so viel Geburtszwieback essen musste wie normalerweise eine komplette holländische Sippe auf kraamvisite verputzt. Überall kullerten weiße und rosafarbene Kügelchen über das Parkett.

Das machte aber nichts, denn unter Charlottes Händen wurde meine Wohnung zur Luxushotelsuite. Jeden Tag wurde gestaubsaugt, putzte sie das Bad, wechselte die Bettwäsche und brachte mir Essen ans Bett. Wenn ich gerade keine Aufgabe für sie hatte, beschwerte sie sich, dass sie vor Langeweile popeln müsse („Zit ik hier weer uit mijn neus te vreten…“).

Auch für Paulas körperliches Wohl war Charlotte zuständig. Nach ihrem erstem Bad drohten die dünnen blonden Löckchen, mit denen Paula zur Welt gekommen war, sich in Wohlgefallen aufzulösen. Kaum hatte ich mich versehen, da hatte Charlotte ihr eine kecke Tolle geformt und mit speziellem Baby-Haarfestiger fixiert. Der war allen Ernstes im Geburtspaket von der Krankenkasse enthalten, denn schließlich laufen vor allem kleine holländische Jungs fast nie ohne Gel in den Haaren herum. Man kann nie früh genug mit der Sozialisierung anfangen.

Nach einer Woche des interkulturellen Austauschs war meine Zeit mit Charlotte um. Bis dahin hatte ich sie so weit, dass sie Brot auch in getoasteter Form lecker fand, es aber weiterhin am liebsten mit einer Cup-a-soup herunterspülte. Ich dagegen war zum beschuit-met-muisjes-Junkie mutiert. Charlotte verschwand wieder nach Obdam. Vor kurzem habe ich eine Mikrowelle angeschafft – eines jener Teufelswerkzeuge, die ich früher als Untergang des Abendlandes zu bezeichnen pflegte. Das könnte durchaus eine Spätfolge von Charlotte sein. Jedenfalls befinde ich mich mit diesem Gerät, das in 75% aller Amsterdamer Haushalte zu finden ist, nun exakt auf Höhe des NAP.

  1. Großartig! Ich musste schon lange nicht mehr so schmunzeln.. und erinnerte mich gut an meine Begegnung mit der Kramzorg… nachdem ich gerade mal drei Monate in Holland war, hat sie mich auch sehr beeindruckt! So und so.

    Ganz liebe Grüße,
    Andrea

    11. Februar 2010
  2. sehr schöne Hommage!

    12. Februar 2010

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