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Archiv für

Natur à la Flevoland

Ich halte die Provinz Flevoland nicht für einen schlichten Polder im IJsselmeer, sondern vielmehr für eine raffinierte philosophische Denksportaufgabe. Flevoland beruht auf einer Verschachtelung von Künstlichkeit und Natürlichkeit, deren ganzes Ausmaß ich noch immer nicht ergründet habe. Dagegen ist der Spiegelsaal von Versaille ein Toilettenschränkchen.

Vor längerem habe ich schon einmal im Hochparterreblog über die Widersinnigkeiten des Kasteel Almere berichtet. Vorgestern kam wieder einmal eine neue Facette hinzu, als die Zweite Kammer des niederländischen Parlaments beschloss, dass die wilden Tiere im Naturpark Oostvaardersplassen ab sofort gefüttert werden müssen. Die Oostvaardersplassen sind ein Naturentwicklungsgebiet am nordwestlichen Rand Flevolands, bewohnt von zahlreichen Vogelarten, aber auch von Hirschen und Rindern. Der Natur soll dort so weit wie möglich ihr Lauf gelassen werden: Einzige menschliche Eingriffe sind der Abschuss kranker Tiere und die gelegentliche Regulierung des Wasserstands. Sonst nichts. Unter Tierschützern, Naturschützern und Politikern wurde jedoch schon seit längerem diskutiert, ob man die Wildtiere in so strengen Wintern wie dem letzten füttern oder – ganz natürlich, wenngleich unschön – dem Frost zum Opfer fallen lassen sollte.

Wenn es um Landschaft geht, ist loslassen nicht die größte Stärke der Niederländer. Ist ja auch kein Wunder angesichts der Geschichte des Landes. Wozu aber führt der Fütterungsbeschluss? Dazu: Auf dem künstlichen Land gibt es künstlich angelegte Natur, in der Wildtiere ausgesetzt wurden, damit sie möglichst natürlich wird. Im Zweifelsfall wird die ganz natürliche künstliche Natur aber künstlich am Leben erhalten, damit sie der allgemeinen Vorstellung von Natur entspricht. Noch Fragen?

Evoluon

Im Bus durch Eindhoven, auf dem Weg zu einem Termin, traute ich heute morgen meinen Augen kaum. Ich fuhr an einem UFO vorbei, das aussah wie mit der Zeitmaschine frisch aus den Sechzigern geholt. „Evoluon“ stand auf einem Schild daneben. Ein sehr schickes Ding, das – wie Wikipedia weiß – 1966 vom Architekten Louis Kalff zum 75-jährigen Jubiläum von Philips errichtet wurde. Damals war es ein Technikmuseum, heute kann man dort Konferenzräume mieten. Würde ich gerne mal von innen sehen.


Foto: Lempkesfabriek/Wikimedia

Aber das Buch war besser

Aus aktuellem Anlass:

Posterdesign von Woes van Haaften

Die Wahrheit über Amsterdam

Damit das mal klar ist:

Inntel Zaandam

Ich hätte mir ja nicht träumen lassen, dass ich jemals Herzog & de Meuron und Wilfried van Winden (früher Molenaar & van Winden, jetzt WAM Architecten) in einem Atemzug nennen würde. Aber irgendwie kommt man daran angesichts des neuen Inntel Hotels in Zaandam und des Vitra House in Weil am Rhein nicht vorbei.


Foto: Roel Backaert


Foto: Héctor Guerra/Flickr

La Ricarda

Am Wochenende war ich in Barcelona zum alljährlichen Netzwerktreffen der Guiding Architects, zu denen ich mit architour gehöre. Inzwischen sind wir eine richtig große Gruppe mit 29 Mitgliedern in aller Welt.

Zum Netzwerktreffen gehören auch immer ein paar Architekturführungen vor Ort. Dieses Mal haben wir uns das neue Stadtviertel „22@“ angesehen, das ungefähr genauso angestrengt dem creative-class-Hype hinterherläuft, wie sein Name schon vermuten lässt.

Mein persönliches architektonisches Highlight war dagegen die Villa Ricarda, die Antoni Bonet zwischen 1953-62 gebaut hat. Sexier kann 50er-Jahre-Architektur kaum sein – auch wenn die Villa heute leider direkt neben dem Rollfeld des Flughafens steht. Im Prinzip ist das ganze Haus nur eine Komposition aus sehr eleganten weißen Dachgewölben unter Pinien. Ein wenig hat mich seine Geschichte an Gio Pontis Quinta El Cerrito in Caracas erinnert. Beide sind Gesamtkunstwerke, entstanden im Auftrag einer ungewöhnlich architekturbegeisterten Bauherrschaft, und bei beiden verlief die Kommunikation zwischen Architekt und Auftraggeber weitgehend auf dem Postweg. Während Ponti aber in Italien saß und für ein Ehepaar in Venezuela plante, saß Bonet im Exil in Argentinien und plante für eine Familie in Barcelona…