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Archiv für

Fluchverbot

Der Bond tegen het Vloeken (Bund gegen das Fluchen) ist eine sehr niederländische Angelegenheit. Die christliche Organisation führt schon seit Jahrzehnten eine Kampagne gegen Unflätigkeiten aller Art und natürlich auch gegen Gotteslästerung in Form von „Jesus!“-Ausrufen, die im Niederländischen sehr beliebt sind. An die Öffentlichkeit tritt sie vor allem mit Postern, die vorzugsweise auf Bahnhöfen hängen.

Eins dieser Poster zeigt den Slogan „Een vloek stoort“ vor einer zerrissenen Paradieslandschaft. Irgendjemanden in meiner Nachbarschaft stört aber das Poster offenbar mehr als jeder Fluch, hat er oder sie sich doch die Mühe gemacht, einzelne A4-Blätter mit Buchstaben zu bemalen und das Poster teilweise zu überkleben. Man beachte das verkehrt herum gehängte „Z“, das dem ganzen eine gewisse grafische Würze verleiht.

Marqt am Rembrandtplein

Es gibt Geschäftskonzepte, die sind so schlau, dass man neidisch werden kann. Marqt ist so eins.

Als 2008 die erste Filiale dieses Edelsupermarkts am Overtoom eröffnete, habe ich bereits bei Hochparterre darüber berichtet. Seit einer Weile gibt es eine zweite Filiale am Rembrandtplein, im Souterrain des alten ABN AMRO-Gebäudes.

Die Idee von Marqt ist eine Kombination aus Supermarkt, Ökoladen, Deli und Design. Die Produkte stammen entweder aus der Region oder sind irgendwie ökologisch wertvoll – wobei es nicht um hundertprozentige Öko-Korrektheit geht, denn das fände das wohlhabende urbane Zielpublikum zu dogmatisch. Es gibt also alles von zeeländischen Austern über edle Fertig-Pastasaucen bis hin zu frischem Kerbel. Mit der neuen Filiale am Rembrandtplein wird endlich auch der Touristenmarkt angezapft: Vor allem der Pizza- und Salate-Stand im Eingang ist eine schlaue Idee. Das alles in einem grob behauenen Souterrain, in dem die Tomaten so knackig wie nie zuvor wirken. Wenn ich jetzt anmerke, dass dieser Baustellen-Charme nicht allzu authentisch ist, da man dafür die alten Tresorräume mit Dekor aus den zwanziger Jahren radikal herausgerissen hat, wird man mich vermutlich mal wieder der mierenneukerij bezichtigen.

Es dürfte jedenfalls nur eine Frage der Zeit sein, bis Marqt in jedem Reiseführer steht.

Sommer in Amsterdam

Es gibt Zeiten, da macht diese Stadt es einem sehr leicht, sie zu mögen. Die letzten Wochen gehören definitiv dazu: Temperaturen um 27°C (und nicht klebrige 36°C, wie in Deutschland), strahlender Sonnenschein, in jedem Park ein pierenbadje für Paula, alles in fietsbarer Entfernung und obendrein außerhalb der Touristenzone angenehm leer, weil offenbar alle Holländer in Frankreich oder Salou oder sonstwo sind.

Vermutlich werde ich meine Standortwahl in ein paar Monaten wieder verfluchen, wenn es tagelang quer regnet und unentschlossen feuchtkalt ist. Aber im Moment ist es hier toch best wel lekker.

Burgermeester

Jetzt hat Amsterdams beste Hamburger-Kette es endlich zu einem Artikel bei design.nl gebracht. Wurde auch Zeit. Bei Burgermeester gibt es nämlich sehr, sehr leckere Bulettenbrötchen (ich empfehle den spanischen Burger mit Lamm und Chorizo)  in nettem Interieur. Die Probleme der design.nl-Autorin mit den Kuhfotos an den Wänden kann ich nicht ganz nachvollziehen. Dafür bin ich Justus de Nijs für zwei Dinge dankbar: dass er ganz bewusst nicht Concrete ihre Loungesauce über die Innenraumgestaltung hat gießen lassen, und dass es seine Burger schon mittags gibt, obwohl der Niederländer an sich mittags nicht warm isst. Aber einen Burger kann man vielleicht sogar als ausländisches broodje bal durchgehen lassen.

Atelier van Lieshout

Komme gerade von einem Interview bei Atelier van Lieshout zurück. Was lernt man dort?

1. Selbst Künstler machen in den Niederlanden freitags gerne frei. Die Werkstatt war ausgestorben.

2. In einer Komposttoilette kann man ruhig durchatmen, sollte aber nie den Blick senken – und sei sie noch so schön gestaltet.

3. Will man nicht allzu bürgerlich wirken und trotzdem guten Kaffee trinken, serviert man Espresso in „Sie dürfen jetzt spülen“-Plastikbechern.

Designer und Museen

Da fällt mir doch beim Glasmuseum gleich noch etwas auf: Offenbar entdeckt die zweite Riege niederländischer Museen plötzlich die Vorzüge von gutem Design. Das Nationale Glasmuseum in Leerdam leistet sich eine Einrichtung von Piet Hein Eek, das Stedelijk Museum Den Bosch hat vor einiger Zeit ein Interieur von Matali Crasset bekommen, die Räume der neuen Kunsthalle Kade in Amersfoort wurden vom Studio Makkink & Bey entworfen, und das Zuiderzeemuseum in Enkhuizen – einst ein Feld-Wald-und-Wiesen-Heimatmuseum – bringt eine Ausstellung über Design und Handwerk nach der anderen.

Vor allem letztere scheinen mir spannend. Diesen Sommer gibt es Schränke und Keramikobjekte von Kiki van Eijk, Möbelentwürfe von Scholten & Bajings (inspiriert von altholländischer Möbelornamentik), und Joost van Bleiswijk präsentiert eine Installation rund um die Handelsmissionen der Ostindischen Kompanie. Außerdem zeigen Scholten & Bajings das Projekt ‚Vegetables‘, über Gemüse als erfolgreichstes holländisches Exportprodukt. Bin gespannt, wie man aus dem berüchtigten schnittfesten Wasser Designobjekte generiert.


Kiki van Eijk, Bügeleisen. Foto: Ruy Teixeira


Joost van Bleiswijk, Tableware Box. Foto: Frank Tielemans


Scholten & Baijings, Knopstoel


Scholten & Baijings, Butte

Westerdok

Wie idyllisch: Blick von Overhoeks auf das neue Wohnviertel Westerdok. „Tiene un buen lejos“, wie der Spanier sagt – es sieht vor allem von weitem gut aus.

Links der Block von Meyer en Van Schooten, ArchitectenCie und Heren 5; in der Mitte MVRDV, OZP und Jeroen Schippers; rechts DKV, Baneke van der Hoeven und AWG. Davor stehen bereits die Baukräne für den Gebäudekomplex Wester IJDok von Dick van Gameren, der im Wasser des IJ errichtet wird. Im Vordergrund die hübsche Wildblumenwiese, die die Uferpromenade des neuen Luxuswohnquartiers Overhoeks säumt. Hätte ich mich umgedreht und nochmal geknipst, sähe man die ziemlich beliebige Apartmenthaus-Architektur des besagten Luxusquartiers sowie die Baustelle des neuen Filmmuseums von Delugan Meissl am Fuß des Shellturms.