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Interieur Kortrijk

Ach, die Belgier. Fast könnte man sie als Gegengift für Holland-Überdruss verkaufen. Wo in den Niederlanden Gruppenzwang herrscht, betreibt man in Belgien Individualismus bis zur Schmerzgrenze. Wo die Niederländer dem Fertigessen von Albert Heijn frönen, geben die Belgier sich der Schlemmerei hin. Wo in Holland alles wohldesignt ist, herrscht in Belgien pures Chaos. Ein Wochenende in Antwerpen tut immer wieder gut. Irgendwie weiß man hinterher aber auch wieder die Vorzüge der geordneten Niederlande zu schätzen.

Was Design und Architektur betrifft, hat Belgien unheimlich viel zu bieten, kann oder will das aber nicht kommerztauglich nach außen vermitteln. Einzig bei der Interieurbiennale im westflämischen Städtchen Kortrijk kommt alle zwei Jahre so etwas wie Gemeinschaftsgefühl auf. Wer wissen will, wie die gemütlichste Designmesse Europas dieses Mal war, kann meinen Artikel bei Stylepark.de lesen.


Mega-Fifi aus Wabenkarton: Beehuahua von Charles Kaisin

Und noch mehr Architektenkrise…

Es hört nicht auf: Die niederländische Architektenwelt steckt tief in der Krise. Jeden Tag kann man in der Zeitung Berichte darüber lesen, dass Stadterneuerungsprojekte auf Eis gelegt, Bauverbote verhängt und geplante Neubaugebiete gar nicht erst angelegt werden. Letzte Woche verkündete das Büro Broekbakema im NRC Handelsblad, dass es ein Drittel seiner Mitarbeiter entlassen muss – und dass man allmählich mal anfangen sollte, öffentlich über solche Schrumpfung zu sprechen, anstatt sie zu verheimlichen.

NL Architects haben derweil eine Lösung ersonnen. Sie wollen eine Zeitarbeitsagentur eröffnen, die arbeitslosen Architekten temporäre Jobs vermittelt – und zwar von der Sorte, die ein paar Tage lang so richtig Spaß macht, die man aber nicht ein Leben lang machen will. Als Illustration dient ein Foto von einem entspannten Herrn mit Laubbläser- Rucksack, wie man sie im Herbst in allen holländischen Städten auf den Straßen sehen kann.

Krisenwochenende

Arbeitslose Architekten und stillgelegte Bauprojekte, wohin man schaut, drastische Sparmaßnahmen in der Amsterdamer Stadtkasse und dann auch noch eine Regierung, die Kunst und Kultur pauschal als „linke Hobbys“ bezeichnet. Die Stimmung ist gerade nicht besonders gut. Am Wochenende war ich auf einer Party, wo die Krise und ihre Folgen das allgemeine Gesprächsthema waren – und das, obwohl die Holländer doch eigentlich so gute Selbstverkäufer sind, bei denen immer alles nur großartig läuft, wenn man sie fragt.

Im Noorderpark stieß ich dann auf eine andere Variante der Krisenbewältigung. Dort findet bis Anfang November Crisiskunst statt, ein Mini-Festival mit Bands, Künstlern und einer Bar mit bemerkenswert ordentlicher Espressomaschine. Laut den Veranstaltern diente Berlin als Inspirationsquelle. Eieiei – wird Amsterdam jetzt auch arm aber sexy?