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Künstlerkäse

Für die Zeitschrift Mare schreibe ich gerade einen Artikel über Édouard Manets Reise nach Brasilien. Als Manet 16 Jahre alt war, wollte er Offizier zur See werden, fiel jedoch – er war ein notorisch schlechter Schüler – durch die Aufnahmeprüfung der Marineschule. Um eine zweite Chance zu erhalten, musste er auf einem Schulschiff anheuern und einmal den Äquator überqueren. Also brach er im Winter 1848 an Bord der Havre et Guadeloupe nach Rio de Janeiro auf. Unterwegs langweilte er sich zu Tode, schrieb eine Menge Briefe an seine Mutter, zeichnete Karikaturen und machte offenbar auch ein paar nicht erhaltene Skizzen von Schiffen und dem Meer. Zurück in Paris beschloss er, Maler zu werden.

So weit, so historisch korrekt. Vermutlich frei erfunden, dafür aber umso amüsanter ist eine Episode dieser Seereise, die der deutsche Kunsthistoriker Julius Meier-Graefe in seiner 1912 erschienenen Manet-Monographie zum besten gibt:

„Auch hat Manet auf dem Schiffe gemalt, wenn schon keine Bilder: Die ‚Guadeloupe‘ führte unter anderem holländischen Käse, dessen Schale unter dem Einfluß des Meerwassers die suggestive Röte eingebüßt hatte. Manet wurde beauftragt, den Schaden zu reparieren. Sein erster Erfolg war eine bedenkliche Kolik der Eingeborenen von Rio de Janeiro, die den angestrichenen Edamer mit besonderer Lust verzehrten.“

Holländischer Gammelkäse als Beginn einer Künstlerkarriere. Das ist doch mal was.

„Man will sich doch nicht hundert Jahre lang einen Witz angucken“

Es gibt tatsächlich noch Leute in Holland, an denen all die Medienberichte über das unglaubliche Inntel Hotel von WAM Architecten in Zaandam vorbeigegangen sind. Ein Fernsehsender hat neulich Schauspieler Michiel Romeyn dorthin mitgenommen, der eine herzerfrischend entsetzte Reaktion auf das Hotel sowie die umliegenden pseudohistorischen Häuser im Masterplan von Sjoerd Soeters liefert.

Zumindest die Anfangssequenz versteht man auch ohne Niederländischkenntnisse. Eigentlich schnappt Romeyn nur nach Luft und sagt immer wieder „Jungejungejungejunge“, gefolgt von „Wie kommt man bloß auf sowas?“ Danach fängt er an, sich richtig aufzuregen.

Noch ein kleiner Auszug auf Deutsch :
„Da muss man schon ordentlich einen sitzen haben, um auf sowas zu kommen. Wahrscheinlich bleibt das mindestens hundert Jahre stehen. Da sitzt dann ein Witzbold im Büro, der sich das ausdenkt, und bei der Gemeinde sitzt ein Beamter, der früher Metzger war, und es absegnet. Das ist doch Las Vegas in Zaandam!“

Stinkekäse

Auf dem Ten Katemarkt, wo jeden Tag die Mittagessenszutaten für mein Büro besorgt werden, steht seit Menschengedenken Herman mit seinem Käsestand. Herman ist um die siebzig, hat kaum mehr Käsesorten im Angebot als man an einer Hand abzählen kann und verdient sein Geld eigentlich mit den Energiedrinkdosen, die er ebenfalls verkauft. Dafür ist sein Käse billig und gut. Nur der leckere boerenkaas, den es immer bei ihm gab, fehlte neulich auf einmal. Das war ein echter boerenkaas, dessen Aroma einem scharf in die Nase stach, wenn man ihn aus dem Wickelpapier holte – so gar nicht wie beim Plastikkäse von Albert Heijn. Auf die Frage, weshalb er den Käse nicht mehr habe, hatte Herman eine einfache Antwort: „Der hat so gestunken. Das mochten die Kunden nicht.“ Vermutlich sind die Niederlande das einzige Land, in dem ein Käsestand besser nicht nach Käse riechen sollte.

Architektur und Architekten

Bonmot zur Krise, gefunden in Hans Ibelings‘ Editorial in der neuen A10:
„What’s good for architecture isn’t always good for architects.“

Filmprogramm im Van Schijndelhuis

Oh, was würde ich da gerne hingehen – am besten gleich mit einer Dauerkarte für alle Filme. Im Van Schijndelhuis in Utrecht ist ab dem 21. November einmal pro Monat am Sonntagnachmittag ein Film über die Architektur der fünfziger Jahre an der amerikanischen Westküste zu sehen. Den Auftakt bildet Desert Utopia, über die Fünfziger in Palm Springs, gefolgt von Dokumentationen über John Lautner, Donald Wexler und William Krisel. Genau das richtige also für graue Sonntagnachmittage im Winter.


Desert Utopia – Mid-Century Architecture in Palm Springs


Journeyman Architect. The Life and Works of Donald Wexler


Infinite Space – The Architecture of John Lautner