Zum Inhalt springen

Archiv für

Regentropfen

Es gibt noch einige Dinge, die ich für mein neues Haus gerne hätte – aber das hier steht ziemlich weit oben auf der Liste: Raindrop, entworfen von Bas van der Veer. Erinnert entfernt an ein Wespennest, ist aber Ersatz für die gute alte Regentonne. Raindrop wird als Zwischenstück am Regenrohr installiert. In der großen Kanne wird Regenwasser aufgefangen, damit man es zum Blumengießen benutzen kann. Ist die Kanne voll, läuft das Wasser einfach ins Rohr.

Mit dem Vorgängermodell namens A Drop of Water hat Bas van der Veer 2009 sein Studium an der Design Academy Eindhoven abgeschlossen. Nun hat der niederländische Hersteller Elho den Tropfenfänger in einer großen und einer kleinen Version in sein (in Sachen Design sonst wenig bemerkenswertes) Programm aufgenommen. Darauf ist der Jungdesigner so stolz, dass er auf den Fotos unbedingt neben seiner Kreation posieren musste.

EYE Filmmuseum

Ei, das wird ein Knaller. Das neue EYE Film Institute – Nachfolger des Filmmuseums am Vondelpark – von Delugan Meissl nimmt allmählich Formen an.

Angesichts der Renderings hätte es ein typisches Designobjekt werden können, das seinesgleichen suchend am Ufer des IJ thront. Nun offenbart aber der Rohbau plötzlich eine subtile formale Verwandtschaft mit dem alten Shell-Turm. Da ist es fast schade, dass er nicht schwarz bleibt, sondern bald weiß verkleidet werden soll. Denn was man momentan (hier: heute morgen um halb neun) jenseits des Wassers hinter dem Bahnhof sieht, ist eigentlich ein Negativbild des zukünftigen Gebäudes. Die Eröffnung ist für Dezember 2011 geplant.

Superuse vs. Cradle to Cradle

Gerade habe ich mal wieder einen Artikel über 2012 Architecten und ihre Superuse-Strategie geschrieben, der in der nächsten Ausgabe von ‚werk, bauen und wohnen‚ erscheinen wird. Beim Schreiben kam ich an einen Punkt, an dem ich mich fragte, was denn nun eigentlich genau der Unterschied zwischen Superuse und Cradle to Cradle sein soll – mal abgesehen davon, dass Cradle to Cradle ein geschützter Begriff und als solcher an ein ziemlich fragwürdiges, schweineteures Lizenzverfahren gebunden ist. Letztlich basieren aber beide Konzepte darauf, Materialien als Teil eines möglichst endlosen Kreislaufs zu betrachten.

Dieser Bericht über ein Zusammentreffen von Michael Braungart und Césare Peeren von 2012 Architecten hat mich aufgeklärt. Denn während Superuse bedeutet, dass man bereits bestehende Materialien wiederverwertet, sollen für Cradle to Cradle erst neuartige Materialien produziert werden, die Wiederverwertungspotenzial bergen. Dementsprechend hält Braungart nichts von Superuse, da dabei auch Schadstoffe in den Materialkreislauf gelangen könnten. 2012 Architecten finden dagegen, dass man erstmal all das herumliegende Material benutzten sollte, ehe man noch mehr neues herstellt. Das Zusammentreffen in Rotterdam war offenbar kein großer Erfolg.

Hier ein paar bisherige Projekte von 2012 Architecten:

Miele Space Station
Miele Space Station – aus Waschmaschinentüren und altem Segeltuch.

Wikado
Wikado-Spielplatz in Rotterdam – gemacht aus den Rotorblättern ausrangierter Windturbinen.

espressobar sterk
Espressobar Sterk an der TU Delft – Wiederverwendung für die Fensterelemente eines Abrisshauses.

Villa Welpeloo

Villa Welpeloo in Enschede: Holz von Kabeltrommeln als Fassadenmaterial, Stahlprofile aus einer Textilmaschine als Konstruktion, überzählige Polystyrenplatten aus einer Wohnwagenfabrik als Dämmung. Alte Bauschilder wurden zu Küchenschränken, Kaffeebecher zur Wandverkleidung im Badezimmer. Auch der alte Scherenlift, der beim Bau benutzt wurde, blieb stehen.

Fotos: Allard van der Hoek

Stammbaum

„Eigentlich müsste man mal einen Stammbaum der holländischen Architektur zeichnen. Wahrscheinlich hätten 80% der Büros irgendeine Verbindung zu OMA.“ Das habe ich vor einigen Jahren mal bei einem Essen in die Runde geworfen – und dann gleich wieder vergessen.

Das Metropolis Magazine ist auf dieselbe Idee gekommen und hat Nägel mit Köpfen gemacht. Baby Rems heißt eine Grafik, auf der die Nachkommenschaft des Großarchitekten bis in die zweite Generation verzeichnet ist. Nun ist Metropolis ein amerikanisches Magazin und hat sich deshalb auf die international oder in den USA bekannten Sprösslinge beschränkt. Meiner Meinung nach fehlt da noch eine ganze Reihe jüngerer Büros, zum Beispiel Arons & Gelauff, Powerhouse Company oder STAR Architecture.

Temporäre Teppiche

We Make Carpets tun das, was ihr Name sagt: Sie machen Teppiche – und benutzen dafür so ziemlich jedes Material außer Wolle: Pasta, Pommesgabeln, Kaffeebecher, Wattebäusche, Spielzeugsoldaten oder Backsteine. Was dabei herauskommt, ist temporär, völlig nutzlos und macht vor allem Spaß. Siehe unten: Clean Carpet und Fork Carpet.

11 Trillionen Dinge

Hier mal wieder ein Filmchen, das schöne Grafik mit großem ooooooh-Faktor verbindet – und obendrein noch mit hübscher Musik unterlegt ist. Es stammt von Christian Borstlap und Paul Postma und ist Werbung für kinderpostzegels, also Kinderbriefmarken.

Senioren im Zug

Ganz einfach ihre Ruhe haben wollten die Bewohner des Seniorenheims De Bieslandhof in Delft. Das war ihre Antwort, als die Künstler Lino Hellings und Yvonne Dröge Wendel sie fragten, was für ein Kunstwerk sie am liebsten im Korridor ihres neuen Gebäudeflügels sehen würden, denn ein solches sollten sie im Auftrag der Stichting Kunst en Openbare Ruimte dort installieren. Den dazugehörigen Dialog stelle ich mir lustig vor. „Wat voor kunstwerk zou u willen hebben, meneer?“ – „Ach, schei toch uit, laat me met rust…“

Den Wunsch der Heimbewohner wollten die Künstler jedenfalls gern erfüllen. Sie platzierten im Korridor sechs Zugsitze nebst Projektion einer vorbeiziehenden Polderlandschaft. Nun können die älteren Herrschaften dort sitzen und, wie im Zug, stundenlang die Landschaft betrachten.

Im ersten Moment erschien mir das irgendwie zynisch und auch etwas traurig. Im zweiten Moment fand ich es dann doch wieder eine nette Idee, schließlich hatten die Künstler tatsächlich die Wünsche der Bewohner berücksichtigt. Im dritten Moment dachte ich: Da stimmt doch was nicht. Seit wann ist eine Bahnfahrt in den Niederlanden ein Erlebnis der Ruhe? Wo sind die dauertelefonierenden Mädchen mit H&M-Tüten? Wo ist der fettig zwiebelige Geruch von patat oorlog? Wo sind die Graffiti-Tags, und wieso fliegen keine Gratiszeitungen von gestern herum? Mit einer echten Bahnfahrt hat die Installation nicht viel zu tun. Aber dafür ist sie in ihrer Künstlichkeit sehr konsequent.

Und da wir gerade beim Thema Senioren sind: Sehr unterhaltsam ist die Comedy-Serie Benidorm Bastards, sowohl im flämischen Original als auch als niederländisches Imitat.