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Ein Monat in Noord

Einen Monat ist es jetzt her, dass ich nach Amsterdam-Noord gezogen bin. Viele alteingesessene Amsterdamer rümpfen immer noch die Nase, wenn man ihnen erzählt, dass man auf die andere Seite des IJ ziehen will. Noord? Da wohnen nur Hafenarbeiter und Ausländer, da werden Nachtläden und Pizzerien regelmäßig überfallen und da fährt keine Straßenbahn hin.

Stimmt alles. Trotzdem hat Noord was. Es fängt schon auf der Fähre an, die einen innerhalb von drei Minuten auf die andere Seite befördert. Drei Minuten Stillstand mit Blick über das Wasser, auf den Hauptbahnhof, das Muziekgebouw, die Spitze des Java Eiland, den alten Shell-Turm und den Rohbau des neuen Filmmuseums. Drüben angekommen, führt der Radweg direkt auf einen alten Deich und am Noordhollandkanal entlang durch den Park. Wenn eines seltsam ist an meiner neuen Wohnlage, dann ist es dieser unvermittelte Übergang zwischen touristengesättigter, neonflackernder Innenstadt und beinahe dörflicher, aber zugegebenermaßen auch etwas schrottiger Peripherie.

Das neue Haus steht in der bloemenbuurt, einer der ältesten Gegenden von Noord. Im Mittelalter und Goldenen Zeitalter befanden sich auf der anderen Seite des IJ nur ein kleines Fischerdorf namens Volewijck sowie das Amsterdamer Galgenfeld. Gesäumt wurden sie von Deichdörfern am Buiksloterdijk, Nieuwendammerdijk und Leeuwarderdijk, die größtenteils noch erhalten sind. Aber erst mit der Eröffnung des Noordzeekanaals fing die eigentliche Bebauung des Gebiets an, zunächst mit Hafen- und Industrieanlagen. In den dreißiger Jahren folgten mehrere kleine Gartenstädte mit Arbeiterwohnungen – darunter die bloemenbuurt -, und nach dem zweiten Weltkrieg kam ein großer Schwung Wohnhochhäuser und anderer Wohnsiedlungen dazu, so dass sich Noord bis zum Autobahnring ausbreitete. Erst in den letzten Jahren hat eine Wiederentdeckung des ruppigen Charmes von Noord begonnen, die sich momentan noch hauptsächlich entlang des Wassers abspielt: Overhoeks, NDSM-Werft, Neef Louis, Hotel de Goudfazant und Restaurant Stork sind ein paar Beispiele.

Was lernt man also in einem Monat in Noord? Auf dem Markt am Mosplein werde ich prinzipiell schatje genannt. Es gibt dort Babylätzchen zu kaufen, auf denen steht: „Ich hänge an der Flasche, genau wie Papa.“ Im Park grüßt man sich. Beim Gemüsetürken bekommt jeder Kunde ein Gläschen Tee gratis. Das Einkaufszentrum am Buikslotermeerplein besteht nur aus Rückseiten und gehört zu den deprimierendsten Orten, die ich kenne. Nicht nur übergewichtige Matronen fahren Elektroautos, auch ihre Enkel leihen sie sich gerne mal aus. Vor Weihnachten dekorieren die Noorderlingen ihre Vorgärtchen mit Lichterinstallationen, die man vermutlich vom Weltraum aus erkennen kann. Spaziert man zwanzig Minuten am Noordhollandkanal entlang, steht man plötzlich mitten im Naturschutzgebiet Waterland. An Silvester wird mit Carbid geschossen und alle Weihnachtsbäume auf einem riesigen Scheiterhaufen verbrannt. In den Dreißigern durfte Arbeiterwohnungsbau noch pittoresk sein. Und wahrscheinlich am wichtigsten: Lauschig und rotzig können sehr nah beieinander liegen.

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