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REM-Eiland

Nun ist das REM-Eiland also unterwegs. Am Wochenende wird es über das IJsselmeer von Delfzijl nach Amsterdam fahren, um fortan in den Houthavens als Restaurant zu dienen.

In den sechziger Jahren wurde auf dem Konstrukt, das damals mitten in der Nordsee thronte, der erste private und damit noch illegale Fernsehsender der Niederlande betrieben. Danach mutierte die Sendepirateninsel zur Messstation von Rijkswaterstaat, wurde aber 2006 ausgemustert, zerlegt und an Land verstaut. Bis die Wohnungsbaugesellschaft De Key gemeinsam mit einem Amsterdamer Gastronomie-Unternehmer beschloss, ihr neues Leben als Restaurant- und Bürobau einzuhauchen. Zu diesem Zweck wurde das REM Eiland in den letzten anderthalb Jahren in Delfzijl umgebaut und dabei (ob das eine gute Idee war?) um ein Geschoss aufgestockt. Der Entwurf stammt von (Überraschung!) Concrete Architectural Associates.

Im untersten Geschoss des Bauwerks, das auf 10 Meter hohen Stützen steht, werden sich Büroräume befinden, darüber ein Ausstellungsraum und auf den beiden obersten Geschossen das Restaurant. Hoffentlich wird es nicht wieder so ein typisches Concrete-Restaurant – überloungiges Interieur und überhippes Publikum, mittelmäßiges Essen, desinteressierte Bedienungen, saftige Preise  –, denn davon gibt es in Amsterdam wahrlich genug. Da aber der Betreiber früher Besitzer des benachbarten Restaurants Pont 13 war, gibt es durchaus Grund zur Hoffnung, dass das Restaurant seiner Behausung gerecht werden könnte. Die Eröffnung ist für Anfang Mai geplant.

Büro wird Bühne

Ein nagelneuer Bürobau an der Zuidas wird während des Holland Festivals als Bühne für die Aufführung eines Theaterstücks dienen. Auf vier Stockwerken des FOA-Gebäudes (von Foreign Office Architects und OeverZaaijer) wird Before I Sleep gespielt, ein Stück zwischen Installation, Film und Theater, das auf Tschechows Kirschgarten basiert.

Na, dann ist das Gebäude ja wenigstens für etwas gut. Es steht nämlich – wie so viele Bürobauten in Amsterdam – seit seiner Fertigstellung im letzten Jahr leer. Das hat nichts mit seinen architektonischen Qualitäten zu tun, sondern mit dem unglaublichen Überangebot an teurem Büroraum in Amsterdam. Und teuer ist die Zuidas wahrlich: Im Schnitt kostet der Quadratmeter dort 295 Euro im Jahr.

Aber das hat ja auch sein Gutes, denn ironischerweise sorgt nun ausgerechnet der Leerstand dafür, dass die Zuidas zeitweise doch noch die Mischfunktion erhält, die sie ursprünglich haben sollte. Da war die Rede vom „neuen Zentrum von Amsterdam“ mit einer „lebendigen Mischung aus Büros, Wohnungen, Kultur und Shopping“. Wer in letzter Zeit mal dort war, der weiß, dass die Gegend am Wochenende und abends völlig ausgestorben ist. Man wartet beinahe darauf, dass ein paar Distelballen über die Straße wehen. Außer während des nächsten Holland Festivals, natürlich.

Bauerwartungsland Houthavens

Die Perspektive eines Außenstehenden kann manchmal sehr erfrischend sein. Das beweist die neue Baunetzwoche über die Houthavens in Amsterdam, verfasst von Florian Heilmeyer. Wo ich vermutlich nur auf Eis gelegte Pläne, politische Verwicklungen und Symptome der Baukrise gesehen hätte, sieht Heilmeyer entspannte temporäre Nutzungen auf dem „Bauerwartungsland“ (nennt man das wirklich so auf Deutsch? Sehr schön! Muss ich mir merken). Überhaupt ist er guter Hoffnung, dass Projekte wie der Pontsteiger in den nächsten Jahren realisiert werden. Na, wir werden sehen.

Noch ein kleiner Tipp für diese und alle anderen deutschen Redaktionen: Das „ij“ gilt im Niederländischen als ein einziger Buchstabe und wird deshalb am Wortanfang als doppelter Großbuchstabe geschrieben. Also IJ-Ufer, IJburg, IJmuiden. Ja, wirklich. Siehe Wikipedia.

Kanonen und Spatzen


Gesehen im Fenster einer Erdgeschosswohnung am Admiraal de Ruyterweg.

Arcam im Brakke Grond

Ach, nö… Das Architekturzentrum Arcam will sich neu erfinden und hat deshalb unter anderem das Konzept seiner Vortragsreihe im Brakke Grond geändert. Fortan wird immer zuerst ein alter Herr der Amsterdamer Architekturszene (oder eine alte Dame, aber davon gibt es nicht so viele) einen Vortrag halten, gefolgt von einem jüngeren Architekten, den er selber ausgewählt hat.

Mal ehrlich: Was haben wir davon? Das riecht doch nach Nepotismus. Außerdem gibt’s so etwas ähnliches schon im sowieso unsäglichen BNA-Blad, das jeden Monat ein Gebäude von einem jüngeren Büro vorstellt, ausgesucht von einem alten Hasen.

Die Folge ist, dass nur noch Architekten zu Wort kommen, die den Segen der etablierten Generation haben. Und das in einem Architekturklima, das ohnehin schon viel zu sehr auf Mainstream, Kommerzialität und Pragmatismus setzt.

Was die niederländische Architektur momentan braucht, sind unabhängige Architekturzentren, -kuratoren und -redakteure, die sich trauen, selber eine Wahl zu treffen, die nicht unbedingt mit den Vorlieben der Vorgängergeneration oder der Auftraggeber übereinstimmt. Sonst werden wir hier die nächsten Jahre lang nur auf der Stelle treten.

Gegenwahlomat

Tja, ob’s so besonders viel gebracht hat, weiß man noch nicht, aber eine gute Idee war es auf jeden Fall: Zur gestrigen Wahl der provinciale staten gab es eine Website namens tegenstemwijzer.nl, die potentiellen CDA- und VVD-Wählern Alternativen unterbreitete, damit sie mit ihrer Stimme nicht das Kabinett mit Wilders unterstützen. Illustriert wurde das mit teils recht drastischen Filmchen, über die Wilders sich natürlich gebührend aufregte. Vor allem über diesen Film, in dem niedliche Kinder einige von Gerds fiesen Anti-Ausländerparolen wiederholen:

Ikea und Bureau Mijksenaar

Gleich hier um die Ecke war es, glaube ich. Warte, da steht was von einer Abkürzung. Nein, jetzt sind wir wieder bei den Küchen. Dann müssen wir nach links. Oder stand das Ding doch im Erdgeschoss? Ich hab jetzt keine Lust mehr. Was, es ist schon halb fünf?

Ikea – eines der größten Zeitlöcher unserer Zivilisation. Aber vielleicht nicht mehr lange, denn nun hat das niederländische Informationsdesignbüro Mijksenaar den Auftrag bekommen, die Beschilderung der Möbelhäuser zu überarbeiten. Paul Mijksenaar und seinem Team verdanken wir die Bewegweiserung bei der Westergasfabriek und im Amsterdamse Bos ebenso wie auf dem Flughafen Schiphol. Wobei Ikea wohl deutlich weniger Interesse daran haben dürfte, dass Leute innerhalb von 5 Minuten den Ausgang finden, als ein Flughafen.

Hier ein Interview mit Paul Mijksenaar aus der ZEIT.
Und weil’s gerade zum Thema passt: Ikea Stonehenge Infographic.