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Archiv für

Gesocksdorf

So langsam wird das hier zum Skandalblog. Nach KZ-Design und künstlerischen Gefängnisvisionen jetzt das: tuigdorp ist zum Van Dale Wort des Jahres 2011 ernannt worden.

Übersetzt heißt tuigdorp soviel wie „Gesocksdorf“, ist aber auch ein Wortspiel auf tuindorp, also Gartenstadt. Van Dale – wohlgemerkt das niederländische Pendant zum Duden – definiert es als „abgelegener Ort, der als Wohnstätte für Wiederholungstäter und ähnliche eingerichtet ist“. Und auf wessen Mist ist dieser schöne Begriff gewachsen? Richtig, Geert Wilders, wer sonst. Er schlug im Februar vor, auf dem platten Land Siedlungen aus Wohncontainern zu bauen, in denen Wiederholungstäter interniert werden sollen. Ist der Übeltäter minderjährig, soll seine gesamte Familie in Sippenhaft genommen werden. „Steckt all das Gesindel zusammen“, so Wilders.

Kim Jong Il und Adolf Hitler hätten applaudiert. Ebenezer Howard wohl eher nicht.

Vergessliche Architekten

Im Blog der Architect’s Newspaper gibt es endlich mal eine angenehm unaufgeregte Reaktion auf die in Wolken gehüllten Zwillingstürme von MVRDV, die in den letzten Tagen die amerikanischen Gemüter erhitzten. „They didn’t do it on purpose. They are just architects, after all, and architects sometimes forget to reflect on their designs in terms of, say, the War on Terror…“

The Exchange, Stock und Options

Besucher, die mit dem Zug in Amsterdam ankommen und vom Bahnhof aus zu Fuß in Richtung Dam gehen, erwartet kein sehr erbaulicher Spazierweg. Während auf der linken Straßenseite ein Hafenbecken und die Berlage-Börse liegen, säumen ramschige Souvenirläden, Spielhallen, Billighotels und Fastfoodrestaurants die rechte Seite – auf der der breite Fußweg verläuft.

Jetzt gibt es aber wenigstens einen einzelnen Lichtblick in all dem haschparfümierten Neonschrott. Denn auf halbem Weg zwischen Bahnhof und Dam hat das Lloyd Hotel einen Ableger namens The Exchange eröffnet, dessen 61 Zimmer von Studenten des Amsterdam Fashion Institute ausgestattet wurden. Ebenso wie im Mutterhaus, haben die Zimmer 1 bis 5 Sterne. Das wäre für Passanten noch nicht allzu spannend, aber im Erdgeschoss des angrenzenden Gebäudes führen die Hotelbetreiber außerdem ein designiges Café-Restaurant namens Stock und nebenan einen Laden namens Options, in dem es allerlei Designobjekte vom Schal bis zum Stuhl gibt. Eigentlich ist dort so ziemlich alles versammelt, was in den letzten Jahren durch die Designblogs geisterte, wobei der Schwerpunkt deutlich auf niederländischem Design liegt. Der Droogshop wird sich warm anziehen müssen.

Gefängnisutopie à la PVV

Fleur Agema ist Vizefraktionsvorsitzende der PVV, rechte Hand von Geert Wilders – und, was die wenigsten wissen, Architektin. 2004 schloss sie ihr Masterstudium an der Hogeschool voor de Kunsten in Utrecht mit einer Diplomarbeit ab, die eine Gefängnisutopie formulierte. Ziel des Konzepts ist, dass Häftlinge nicht mehr „passiv herumlümmeln“, sondern im Gefängnis neu konditioniert werden. Deshalb werden sie durch eine phasierte Vollzugswelt geschleust, deren verschiedene Sektoren an Dantes Höllenkreise erinnern: vom „Fort“ über das „Lager“ bis hin zur „Nachbarschaft. In jedem Sektor wird dem Gefangenen mehr Platz, mehr Tageslicht und weniger schwere Arbeit zugestanden. Um von einem Bereich in den anderen zu gelangen, müssen Lernziele erreicht werden, bis der Gefangene schließlich in der rundum kameraüberwachten „Nachbarschaft“ das Leben in der echten Gesellschaft üben darf.

Vermutlich hätte nach dieser 344-seitigen Diplomarbeit kein Hahn mehr gekräht, wenn nicht der Künstler Jonas Staal sie nun zum Thema seines Projekts Closed Architecture gemacht hätte. Das Idealgefängnis der rechtspopulistischen Politikerin hat er in einer Reihe von Computeranimationen visualisiert, bei deren Anblick einem – natürlich auch dank ihrer Egoshooter-Ästhetik – nicht gerade warm ums Herz wird.

Und Agema? Findet, dass Staal ihre Idee „nur geklaut und ein bisschen vergewaltigt“ hat. Zur Zeitung De Pers sagte sie kürzlich, ihr sei inzwischen natürlich klar, dass man die Seele eines Gefangenen nie ändern könne. Sie stehe nun voll und ganz hinter der PVV-Herangehensweise des Einschließens und Schlüsselwegwerfens. „Es kann auch alles etwas asketischer sein. Die Heizung darf ruhig ein paar Grad herunter gedreht werden, und das Essen darf  jeden Tag aus einem Brot mit Erdnussbutter bestehen.“

Closed Architecture kann man als PDF downloaden und noch bis 15. Januar in der Ausstellung 1:1 im Kunstzentrum Extracity in Antwerpen sehen.

Schwarzfahrer

Was ist typisch für deutsche Touristen? Dass sie sich beschweren, wenn jemand nett zu ihnen ist.

Ein Grüppchen deutscher Männer steigt beim Muziekgebouw in die Straßenbahn. Einer von ihnen hat kein Ticket und mogelt sich am Schaffner vorbei – der das durchaus bemerkt, aber nichts sagt. „Da nehmen die lieber hunderttausend Schwarzfahrer in Kauf, als ihren Job richtig zu machen“, meckert einer der Männer so laut, dass die halbe Bahn es hört. „Das gäb’s bei uns nicht.“

Stedelijk-Anbau enthüllt

Gestern bin ich zum ersten Mal am frisch enthüllten Anbau des Stedelijk Museum, entworfen von Benthem Crouwel, vorbeigeradelt. In Amsterdam ist der Erweiterungsbau schon seit der Veröffentlichung der Renderings als „die Badewanne“ bekannt. Schön? Weiß nicht. Aber die riesige, glatte weiße Kunststofffassade, die wundersamerweise ganz ohne Nähte auszukommen scheint, ist schon beeindruckend.

Erste Fotos gibt’s im Flickr-Album des Stedelijk Museum. Bin ich eigentlich die einzige, die eine gewisse Verwandtschaft hierzu sieht?

KZ-Design von Studio Job

PR-trächtige Provokationen, die unter dem Deckmäntelchen der Meinungsfreiheit verkauft werden, locken mich nach diversen Jahren in diesem Land eigentlich nicht mehr hinter dem Ofen hervor. Wie oft wird „moet kunnen“ als Rechtfertigung für die platteste Zehentrampelei herangezogen. Ausgerecht ein Auftritt von Job Smeets und Nynke Tynagel, die gemeinsam als Studio Job firmieren, bei der Talkshow De Wereld Draait Door hat mich nun aber doch sprachlos gemacht.

Studio Job gehört zu jenen internationalen Designkunststars, deren Editionen bei Messen wie Design Miami für Zigtausende verkauft werden. Bekannt geworden sind sie mit Objekten, die mit subversiven grafischen Ornamenten überzogen waren. Die Ornamente stellten alles mögliche dar, von Gegenständen des täglichen Gebrauchs über Insekten bis hin zu Katzenskeletten, und ließen sich oft erst bei näherem Hinsehen identifizieren, woraus sich eine ganz interessante Spannung ergab. In letzter Zeit wurden die Objekte von Studio Job immer skulpturaler, goldener und größer und bewegten sich ausdrücklich auf der Grenze zwischen Design, Kunst und Kitsch.

Bei De Wereld Draait Door haben sie nun einen ihrer jüngsten Entwürfe präsentiert, der wiederum gegenständliche Ornamentik zum Thema hat. Es handelt sich um einen Zaun in Stacheldrahtoptik, in den ein von Schornsteinen samt Rauch flankiertes Tor integriert ist, über dem „suum cuique“ („Jedem das Seine“) steht. So. Jetzt schlucken wir alle mal kurz. Damit nicht genug, zeigten sie auch noch eine Tischdecke mit Stacheldrahtmotiv, deren vier Ecken von Wachttürmen geziert werden. Verständnislos berichtete Job Smeets, dass das Groninger Museum das gute Stück nicht haben wollte. „Nur weil es im Restaurant gelegen hätte. 50 Meter weiter, in den Museumssälen, wäre es wahrscheinlich kein Problem gewesen. Wieso muss Design immer nett sein?“.

Ach, Job. Haben die Katzenskelette nicht mehr genug Aufsehen erregt? Vielleicht fand das Museum die Tischdecke einfach nicht besonders gelungen? Design muss nicht nur Styling sein, aber derart platte Provokationen geben nun einmal ziemlich schlechtes Design ab. Und sie als Kunst zu kategorisieren hilft auch nicht, denn als Kunst sind sie nur noch viel schlechter. Vielleicht ist es nun doch mal an der Zeit, dass der Designkunst-Hype durch etwas Substanzreicheres ersetzt wird.

Den Talkshow-Ausschnitt kann man hier sehen (ab 2:50) – embedden klappt leider nicht. Gestern gab es sogar noch eine Fortsetzung.