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Calder in Den Haag

Es gibt zur Zeit einige gute Gründe für einen Ausflug ins Gemeentemuseum in Den Haag. Erstens das immer wieder großartige Gebäude von H.P. Berlage – ein echtes Gesamtkunstwerk aus dessen wrightesker Phase –, zweitens die immer wieder schöne Mondriaan-Sammlung des Museums und drittens die Ausstellung über Alexander Calder, die dort bis 28. Mai zu sehen ist.

Aufhänger der Ausstellung ist, dass der junge Calder Mondriaan im Jahr 1930 einen Besuch in dessen Pariser Atelier abstattete und hinterher formulierte: „It was the visit to Mondrian’s studio that made me abstract“. Im Zentrum der Ausstellung steht deshalb ein Nachbau von Mondriaans Atelier, das wie eines seiner Gemälde als Komposition aus farbigen Flächen eingerichtet war. Davor sind Frühwerke von Calder zu sehen: Drahtfigürchen von Tieren und Personen, die einen Minaturzirkus bevölkerten, mit dem Calder in den zwanziger Jahren in Pariser Künstlerkreisen bekannt wurde. Nach dem Besuch in Mondrians Atelier war es jedoch vorbei mit der Niedlichkeit. Mit einem Schlag steht man in der Ausstellung zwischen den berühmten Mobiles des Amerikaners – fragile Schönheiten, die bei jedem Windhauch leicht schwingen.

Groß ist die Schau nicht, und der Begriff „Retrospektive“ scheint ein wenig übertrieben, aber dafür hat sie Hand und Fuß. Und ich muss ehrlich zugeben, dass ich immer dachte, Calders Mobiles stammten allesamt frühestens aus den fünfziger Jahren. Habe also etwas gelernt.


Kuh (ca. 1926), MoMA, New York


Small Feathers (1931), Calder Foundation, New York


13 Spines (1940), Museum Ludwig, Köln

Ohne Titel, Modell für eine unrealisierte Skulptur für das Kröller-Müller-Museum (1976), KMM, Otterlo

Ferienhaus im Moor

Die Loosdrechtsen Plassen sind ein Seengebiet nahe Utrecht, das durch die Torfstecherei entstanden ist. Typisch für diese Gebiete, die es in den Niederlanden mehrfach gibt, ist die Kammstruktur des Landes, das nach dem Ausbaggern des Moores übriggeblieben ist. Wie lange, spinnendünne Finger ragen die Halbinseln ins Wasser.

Auf einer solchen schmalen Insel, die ganze 5 mal 100 Meter misst, haben 2by4 architects ein Ferienhaus gebaut. Das Häuschen besteht scheinbar nur aus einem Satteldach und zwei komplett verglasten Fassaden, durch die sich der Blick auf die Landschaft öffnet. Der Trick ist, dass die Nordfassade bei schönem Wetter aufgefaltet werden kann, so dass das einzige Zimmer zum überdachten Bootsanleger wird.

Essgewohnheiten

Nilgänse stellen in den Niederlanden ein Problem dar. Ebenso wie Halsbandsittiche, vermehren sich die zugewanderten Vögel wie nichts gutes, fressen den Kühen das Gras auf den Weiden vor der Schnauze weg und machen den Flughafen Schiphol im wahrsten Sinne des Wortes unsicher. Alljährlich werden deshalb zigtausende Gänse abgeschossen. Aber was tun mit all dem Geflügel? Kaufen will es keiner. Letzte Woche wurden mit viel Tamtam erstmals 24 küchenfertig zerlegte Gänse einer gemeinnützigen Tafel überreicht. In den Fernsehnachrichten konnte man sehen, wie eine beleibte Köchin die Fragen der Reporter nach der Zubereitungsweise beantwortete: „Naja, ich schätze, einfach ein halbes Stündchen in der Pfanne braten oder so.“ Deutlich bemitleidete der Nachrichtenbeitrag die Armen, die keine Wahl haben, außer Gänsebraten zu essen. Da könnte man ihnen ja auch gleich gebackenen Halsbandsittich servieren.

Gänsebraten isst der gemeine Niederländer nämlich nicht. Sankt Martin wird hier mit Bonbonsammeln begangen, Weihnachten mit „Excellent“-Fertigmahlzeiten von AH (oder mit foie gras…). Beim Großteil der Gänsebratenrezepte, die smulweb.nl verzeichnet, steht vermerkt: „feestmaaltijd uit de duitse keuken“. Na, und das gilt wahrlich nicht als Qualitätsprädikat.

Schon kurios: Da ist man einander so ähnlich, aber bei manchen Dingen so unterschiedlich. Pilze sammeln wäre auch noch so ein Thema. Beim Gedanken an Selbstgepflücktes aus dem Wald wird’s den meisten Niederländern ganz blümerant. Ich erinnere mich, wie ich mal in der Veluwe mit einer Plastiktüten mitten im Wald im Blaubeerparadies stand und andere Spaziergänger mich besorgt fragten, ob ich etwas verloren hätte.

Beas Wartesaal

Manchmal kann man sich schon fragen, was die niederländische Bahn so reitet. In den letzten Wochen musste mal wieder ein Sonderfahrplan eingesetzt werden, weil es – Überraschung! – Winter war und ein wenig Schnee fiel. Täglich fielen zig Züge aus und mussten jede Menge Fahrgäste in der Kälte warten. Und genau in diesem Moment kommt die NS auf die Idee, ein 360°- Foto des königlichen Wartesaals im Amsterdamer Hauptbahnhof ins Internet zu stellen.

Da kann man sich in aller Ruhe ansehen, in was für einem kuscheligem Interieur Bea & Co auf den Zug warten – wenn sie denn überhaupt mal mit der Bahn fahren. Glasmalerei, Holzvertäfelung, Landschaftsfries, Perserteppiche und schmiedeeiserne Kronleuchter machen das Zeittotschlagen doch gleich viel erträglicher.

Nur eins ist nicht zu sehen: die königliche Toilette. Aus zuverlässiger Quelle weiß ich, dass zum königlichen Wartesaal auch ein Thron aus weißblauem Delfter Porzellan gehört.

Zurück aus Dubai

Eigentlich wollte ich nie nach Dubai. All das Aufhebens um größere, schnellere, teurere Gebäude interessierte mich nicht im geringsten. Jetzt komme ich gerade zurück vom alljährlichen Treffen des Guiding Architects Network – aus Dubai und Abu Dhabi.


Skyline mit Scheichs

Nein, ich habe meine Meinung nicht geändert, muss aber zugeben: gelangweilt habe ich mich auch nicht. Dubai ist wie ein Architektur-Horrorfilm: gruselig, aber auch höchst unterhaltsam. Wie erwartet, ist alles zu groß, zu teuer, zu schnell und zuviel.

Spannend war der Kontrast zwischen Dubai, wo nach dem Boom inzwischen die Krise ausgebrochen ist, und Abu Dhabi, wo der Boom gerade erst loszugehen scheint.

Übrigens gibt es in Dubai – obwohl natürlich alles mindestens zehnmal größer ist – durchaus einige Parallelen zu den Niederlanden, von der Händlermentalität der Einheimischen über künstliches Land und vinexhafte Wohnsiedlungen bis hin zum Bauen auf Pfählen und pfannkuchenflacher Landschaft. Besonders all die von Hochspannungsmasten durchzogenen Wüstengrundstücke, auf denen eigentlich längst der Bau irgendeines Gigaprojektes starten sollte, sehen dem Neuland von IJburg kurz vor Baubeginn oft zum Verwechseln ähnlich.


IJburg oder Dubai?

Im Gegensatz zum zerfransten Wildwuchs von Dubai hat Abu Dhabi sogar so etwas wie ein Zentrum, in dem ein wenig Urbanität aufkommt. Extrem skeptisch bin ich allerdings bei Norman Fosters Ökoprojekt Mazdar City. Mit dem Hummer in die Tiefgarage fahren, um dann die letzten 100 Meter im Elektroshuttle zurückzulegen? Ich weiß ja nicht…

Nach fünf Tagen kontinuierlichen Kopfschüttelns (teils aus Entsetzen, teils aus Staunen) hat mich nun das kikkerlandje wieder und fühlt sich auf einmal sowas von authentisch an. Wer hätte das gedacht.


Dubai


Abu Dhabi


Blick vom Burj Khalifa

Eislaufen auf den Grachten

Es darf eisgelaufen werden! Die Amsterdamer Grachten sind freigegeben. Ich schnappe jetzt meine Schlittschuhe und verschwinde…

Eislauffieber

„Es stimmt einfach alles: Die Sonne scheint, kein Schnee… Vielleicht kann ich die Kinder am Donnerstag bei meiner Mutter unterbringen. Muss ich halt einen Tag freinehmen. Die renoviert gerade ihr Bad, aber wer weiß, vielleicht kann ich sie ja überreden. In Friesland werden schon ein paar Polder geflutet. Oder ich nehme die Große einfach auf dem Schlitten mit. Müsste auch gehen. Im Waterland dauert es sicher noch ein paar Tage. Die Kanäle in Friesland sind nicht so tief.“

Wenn Niederländer so wirres Zeug reden, wie es meine Nachbarin gestern tat, und es draußen schon seit ein paar Tagen friert, ist das ein typischer Fall von schaatskoorts, also Eislauffieber. Zu den Symptomen gehören Konzentrationsschwäche, Nervosität, Klaustrophobie, manchmal auch ein leichter Verlust des Realitätssinns. Sollte es gar zur Elfstedentocht kommen, wird das ganze Land tagelang lahmgelegt. Und ich? Sitze brav am Schreibtisch. Bin halt doch nur eine Zugezogene.