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Archiv für

Grün, grün, grün

Desktoop

Insgesamt war die Food & Architecture Fair, die gestern anlässlich des Tages der Architektur stattfand, eine enttäuschende Angelegenheit. Nichts als mit glühend heißer Nadel gestrickte Projekte; manche könnte man mit Fug und Recht als hingepfuscht bezeichnen. Ein paar Highlights fanden sich aber doch, darunter dieser schöne Schreibtischentwurf von Nienke Sybrandy.

Ausgangspunkt des Desktoop ist die Beobachtung, dass Büros mit ihren ewigen 20°C Raumtemperatur und acht Stunden lang brennenden Schreibtischlampen die ideale Umgebung für den Gemüseanbau bilden. Also hat Sybrandy einen Schreibtisch mit integriertem Gemüsebeet entworfen, in dem der Büroangestellte die Zutaten für sein Mittagessen züchten kann.

Auf der Website des Studio NSybrandy wimmelt es ohnehin von poetisch schönen Projekten und Produkten, oft mit hohem pflanzlichen Gehalt. Und einen sehenswerten Blog hat sie auch noch.

Flatten

Mir ist plötzlich so nach Mohrenkopfbrötchen.

Flatten by Hugo de Kok and Kay van Vree on Vimeo.

Holländische Eiscrème

Die Amsterdamer haben ihre Vorliebe für Eissalons entdeckt. Ja, das kommt etwas spät – im Vergleich zu Deutschland, wo italienische Gastarbeiter seit der Nachkriegszeit eine hervorragende Grundversorgung mit Eis und Pizza garantierten. Hier gab es das nicht, und bis vor ein oder zwei Jahren musste man leckeres Kugeleis mit der Lupe suchen. Aber jetzt eröffnet auf einmal ein designiger Eissalon nach dem anderen, als da wären:

IJScuypje: Eiscrème aus eigener Produktion nach alten holländischen Rezepten, mit Filialen an der Prinsengracht/Ecke Elandsgracht, Eerste van der Helststraat (De Pijp), Haarlemmerdijk und Amstelveenseweg.

Pisa IJs: alteingesessener echter Italiener am Scheldeplein, seit kurzem auch mit schickem Ableger in der Eerste van der Helststraat beim Albert Cuypmarkt.

Frozz: Frozen Yoghurt in der Utrechtsestraat und am Rokin

• Dutch Homemade: Pralinen und Eis aus Biozutaten auf der Rozengracht.

Lokalpatriotisch warm ums Herz wird mir aber vor allem bei Frozen Dutch, den Eisproduzenten mit Sinn für Verpackungsdesign und ungewöhnliche Geschmackskombinationen in Amsterdam-Noord, über die ich hier schon einmal berichtet habe. Kaufen kann man Frozen Dutch z.B. bei Marqt und Landmarkt. Wo bleibt die Frozen-Dutch-Eisdiele?

Amsterdamer Absurditäten

Manchmal gibt es doch nichts schöneres als Lokalnachrichten – vor allem aus Amsterdam. Ein Griff aus den Zeitungsberichten der letzten paar Tage:

• Bei Artis, dem Amsterdamer Zoo, kann man nun Führungen zum Thema Homosexualität im Tierreich buchen. Dort gibt es nämlich ein schwules Pinguinpärchen. So eine Führung muss man sich mal bildhaft vorstellen: „Die beiden da hinten, das sind zwei Männchen! Und die da auch. Man sieht’s zwar nicht auf den ersten Blick, aber die zwei da beim Zaun sind auch schwul.“ Zwangsouting von Erdmännchen und Stachelschweinen? Ist das politisch korrekt?

• Auf dem Dam werden in den kommenden Monaten Aufpasser gegen lebende Standbilder vorgehen, die Passanten belästigen. Bin ich die einzige, die das irgendwie paradox findet?

• Der Tunnel unter dem Rijksmuseum soll nach der Wiedereröffnung des Museums nicht mehr für Radfahrer zugänglich sein. Dagegen gibt es heftigen Protest, und vermutlich wird ein Bürgerreferendum folgen. Bis dahin bleibt der Tunnel zu – angeblich aber nur, damit die Bürger einen Eindruck davon bekommen, wie sich ein geschlossener Tunnel anfühlt und eine fundierte Entscheidung treffen können. Vermutlich sind damit vor allem all die Bürger gemeint, die den geschlossenen Tunnel in den letzten zehn Jahren noch nicht bemerkt haben?

Gratulation

„Herzlichen Glückwunsch zum Sieg!“, sagte die Kindergärtnerin heute morgen. Ich dachte, sie gratuliere mir, weil ich es tatsächlich geschafft hatte, meiner Zweieinhalbjährigen mal eine Hose anzuziehen anstelle des heiß geliebten Prinzessinnenkleids. Sie redete aber über Fußball.

Siedlung II beim NAi

Rund um das NAi stehen seit kurzem viele kleine orangefarbene Zelte. Fußballdeko? Jein. Für das Zomer in het NAi-Programm haben Caro Baumann und Johannes Scheele vom Rotterdamer Büro MorePlatz ihr Projekt Siedlung aus dem Jahr 2000 ausgemottet. Damals standen die Zelte an verlassenen Bahnsteigenden am Münchener Hauptbahnhof, als Blickfang im Niemandsland und Illusion einer Besiedlung. Jetzt zieren sie Teich und Wiese vor dem NAi – kein ganz so vergessener Ort, aber im Eurosommer doch irgendwie passend.

Overhoeks-Turm wird temporäres Museum

Na bitte, geht doch. Endlich ist zumindest eine temporäre Funktion für den Overhoeks-Turm gefunden. Das Hochhaus aus den späten Sechzigern, in dem früher Shell saß, thront neben dem EYE Film Institute am Ufer des IJ. Seit Shell seine Labors vor einigen Jahren ein paar hundert Meter weiter nach Westen verlagerte, stand der Turm mit dem markanten Krönchen leer.

Nun wird er den Sommer über eine Ausstellung zum Thema Nachhaltigkeit beherbergen, mit Beiträgen von u.a. 2012 Architecten, Jurgen Bey, John Körmeling, Piet Hein Eek und We Make Carpets. Eröffnung ist am 29. Juni.

Bottom-up Glamour

‚Popo hoch‘ ist das neue Motto in den Niederlanden. In der Wirtschaftskrise sind ‚Bottom up‘-Strategien auf einmal der letzte Schrei. An allen Ecken wird gestadtgärtnert, werden temporäre und/oder aus Restmaterialien gebaute Pavillons in den öffentlichen Raum gestellt, werden an ehemaligen Unorten Cafés oder Restaurants eröffnet. Gemeinden und Politiker sind begeistert und geloben Unterstützung. Das ist einerseits schön, birgt aber andererseits die Gefahr, dass Bottom-up zu einer billigen Ausrede dafür wird, dass Staat und Gemeinden sich immer mehr aus der Verantwortung stehlen. Jahrelang konnte kein Projekt kommerziell genug sein, konnte Baugrund gar nicht teuer genug verkauft werden und wurde kein Stückchen Stadt herausgerückt. Aber nun, da das Geld fehlt, verkündet eine Vertreterin des Rotterdamer Stadtrats gestern auf einmal, dass sie die Anlage von Stadtäckern fördern will.

Damit mich jetzt keiner falsch versteht: Bottom-up macht Spaß und ist im Prinzip großartig – nur nicht, wenn es instrumentalisiert wird. Natürlich ist es mehr als lobenswert, wenn Anwohner auf dem Müllerpier einen Park anlegen, weil die Brache am Kopf des Piers in den nächsten Jahren nicht bebaut werden wird. Damit wird ein Stück öffentlicher Raum geschaffen, von dem alle etwas haben und der gut funktioniert. Aber zur Zeit applaudieren die Gemeinden einfach wahllos bei allem, was sie kein Geld kostet und ihnen einen Grund verschafft, die Verantwortung an den einzelnen Bürger abzutreten. Urbaner Kopfsalat als Lösung für die Wirtschaftskrise? In Kuba mag das Hand und Fuß haben, aber in den Niederlanden?

Eine etwas andere Herangehensweise an Bottom-up vertritt die Architektin Saskia Beer mit ihrer Initiative Glamourmanifest. Sie hat sich eines der zahlreichen trostlosen Büroviertel im Südosten Amsterdams angenommen, in denen viel Büroraum leer steht und abends die Bürgersteige hochgeklappt werden. Dort verteilt sie goldene Gartenzwerge, um auf Problemstellen mit Potenzial hinzuweisen, veranstaltet Blumenzwiebelpflanzfestivals, lockt mobile Espressobars in die Bürowüste. Der Unterschied zu anderen Initiativen ist, dass Glamourmanifest nicht im geringsten nach Protest riecht. Im Gegenteil: Beer bezieht Makler und Projektentwickler erfolgreich in ihre Veranstaltungen ein (wobei es vermutlich helfen dürfte, dass jede Glamourmanifest-Aktivität mit Champagner begossen wird). Damit hat Beer eine clevere Nische aufgetan: Bottom-up ohne antikommerzielle Haltung. Ich prophezeie ihr eine goldene Zukunft.