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Bottom-up Glamour

‚Popo hoch‘ ist das neue Motto in den Niederlanden. In der Wirtschaftskrise sind ‚Bottom up‘-Strategien auf einmal der letzte Schrei. An allen Ecken wird gestadtgärtnert, werden temporäre und/oder aus Restmaterialien gebaute Pavillons in den öffentlichen Raum gestellt, werden an ehemaligen Unorten Cafés oder Restaurants eröffnet. Gemeinden und Politiker sind begeistert und geloben Unterstützung. Das ist einerseits schön, birgt aber andererseits die Gefahr, dass Bottom-up zu einer billigen Ausrede dafür wird, dass Staat und Gemeinden sich immer mehr aus der Verantwortung stehlen. Jahrelang konnte kein Projekt kommerziell genug sein, konnte Baugrund gar nicht teuer genug verkauft werden und wurde kein Stückchen Stadt herausgerückt. Aber nun, da das Geld fehlt, verkündet eine Vertreterin des Rotterdamer Stadtrats gestern auf einmal, dass sie die Anlage von Stadtäckern fördern will.

Damit mich jetzt keiner falsch versteht: Bottom-up macht Spaß und ist im Prinzip großartig – nur nicht, wenn es instrumentalisiert wird. Natürlich ist es mehr als lobenswert, wenn Anwohner auf dem Müllerpier einen Park anlegen, weil die Brache am Kopf des Piers in den nächsten Jahren nicht bebaut werden wird. Damit wird ein Stück öffentlicher Raum geschaffen, von dem alle etwas haben und der gut funktioniert. Aber zur Zeit applaudieren die Gemeinden einfach wahllos bei allem, was sie kein Geld kostet und ihnen einen Grund verschafft, die Verantwortung an den einzelnen Bürger abzutreten. Urbaner Kopfsalat als Lösung für die Wirtschaftskrise? In Kuba mag das Hand und Fuß haben, aber in den Niederlanden?

Eine etwas andere Herangehensweise an Bottom-up vertritt die Architektin Saskia Beer mit ihrer Initiative Glamourmanifest. Sie hat sich eines der zahlreichen trostlosen Büroviertel im Südosten Amsterdams angenommen, in denen viel Büroraum leer steht und abends die Bürgersteige hochgeklappt werden. Dort verteilt sie goldene Gartenzwerge, um auf Problemstellen mit Potenzial hinzuweisen, veranstaltet Blumenzwiebelpflanzfestivals, lockt mobile Espressobars in die Bürowüste. Der Unterschied zu anderen Initiativen ist, dass Glamourmanifest nicht im geringsten nach Protest riecht. Im Gegenteil: Beer bezieht Makler und Projektentwickler erfolgreich in ihre Veranstaltungen ein (wobei es vermutlich helfen dürfte, dass jede Glamourmanifest-Aktivität mit Champagner begossen wird). Damit hat Beer eine clevere Nische aufgetan: Bottom-up ohne antikommerzielle Haltung. Ich prophezeie ihr eine goldene Zukunft.

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