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Beiträge aus der Kategorie ‘reise’

Redlight-Revival

Hach, das Amsterdamer Rotlichtviertel. Besoffene Engländer auf Junggesellenabschied, bekiffte spanische Studenten auf der Suche nach rosa glasierten Donuts, neugierige deutsche Hausfrauenclubs und das eine oder andere vieze mannetje – so ungefähr sieht das Straßenbild aus. Glaubt man manch einem Einheimischen, ist das ein possierlicher Mix, der das Lokalkolorit ausmacht. Jacques-Brel-Romantik und so. Glaubt man jedoch dem Stadtrat, ist das eine ziemlich kriminelle Mischung inklusive Frauenhandel und noch viel mehr Unerfreulichem.

Deshalb hat die Stadt vor einigen Jahren angefangen, ehemalige Prostitutionsfenster unter dem Projektnamen Red Light Design an Jungdesigner zu vermieten. Das waren noch sehr vereinzelte Eingriffe, die man wirklich suchen musste. Inzwischen ist aber eine neue Entwicklung im Gange, die man als Wiederentdeckung des Rotlichtviertels durch die Amsterdamer bezeichnen könnte. Zwölf Jahre wohne ich jetzt hier, und mit Ausnahme der Chinatown oder des Nieuwmarkt habe ich immer einen großen Bogen um die Gegend gemacht. Aber auf einmal gibt es tatsächlich Gründe, die Wallen freiwillig anzusteuern. Sie heißen Mata Hari, Anna, Meatballs, Metropolitan Deli oder Brouwerij De Prael und sind allesamt neue Restaurants oder Bars, die sich ganz bewusst zwischen Sexshows und Blowtels (= Billighotels für Kifftouristen) ansiedeln. Allmählich wird die Mischung sehr attraktiv. Ich wage hiermit die Vorhersage: Die Gentrifizierung des Amsterdamer Rotlichtviertels steht vor der Tür. Bin gespannt, wie lange es dauern wird, bis britische Zeitungen heruntergekommene Häuser an den Wallen als erstklassige Geldanlage empfehlen.

Radfahren in den 50ern

Herzerwärmend: Sommer, Sonne, Strand, Fahrräder und viel Nostalgie.

Neues von architour: offene Touren

Danke, koelnarchitektur.de! Das Webportal hat gestern einen schönen Artikel über mich und architour veröffentlicht. Diese Gelegenheit nutze ich, um gemeinsam mit koelnarchitektur.de am 23. Juni eine offene Halbtagestour durch den neuen Inselstadtteil IJburg anzubieten. Start ist um 11.30 Uhr an der Centraal Station, Ende ebendort um 16.30 Uhr. Preis: 40 Euro pro Nase, Anmeldung bei info(at)architour.nl. Die Tour findet statt, wenn sich mindestens zehn Teilnehmer finden. Also bitte zahlreich anmelden!


Blok 64 auf IJburg von Loos Architects

 

Beas Wartesaal

Manchmal kann man sich schon fragen, was die niederländische Bahn so reitet. In den letzten Wochen musste mal wieder ein Sonderfahrplan eingesetzt werden, weil es – Überraschung! – Winter war und ein wenig Schnee fiel. Täglich fielen zig Züge aus und mussten jede Menge Fahrgäste in der Kälte warten. Und genau in diesem Moment kommt die NS auf die Idee, ein 360°- Foto des königlichen Wartesaals im Amsterdamer Hauptbahnhof ins Internet zu stellen.

Da kann man sich in aller Ruhe ansehen, in was für einem kuscheligem Interieur Bea & Co auf den Zug warten – wenn sie denn überhaupt mal mit der Bahn fahren. Glasmalerei, Holzvertäfelung, Landschaftsfries, Perserteppiche und schmiedeeiserne Kronleuchter machen das Zeittotschlagen doch gleich viel erträglicher.

Nur eins ist nicht zu sehen: die königliche Toilette. Aus zuverlässiger Quelle weiß ich, dass zum königlichen Wartesaal auch ein Thron aus weißblauem Delfter Porzellan gehört.

Zurück aus Dubai

Eigentlich wollte ich nie nach Dubai. All das Aufhebens um größere, schnellere, teurere Gebäude interessierte mich nicht im geringsten. Jetzt komme ich gerade zurück vom alljährlichen Treffen des Guiding Architects Network – aus Dubai und Abu Dhabi.


Skyline mit Scheichs

Nein, ich habe meine Meinung nicht geändert, muss aber zugeben: gelangweilt habe ich mich auch nicht. Dubai ist wie ein Architektur-Horrorfilm: gruselig, aber auch höchst unterhaltsam. Wie erwartet, ist alles zu groß, zu teuer, zu schnell und zuviel.

Spannend war der Kontrast zwischen Dubai, wo nach dem Boom inzwischen die Krise ausgebrochen ist, und Abu Dhabi, wo der Boom gerade erst loszugehen scheint.

Übrigens gibt es in Dubai – obwohl natürlich alles mindestens zehnmal größer ist – durchaus einige Parallelen zu den Niederlanden, von der Händlermentalität der Einheimischen über künstliches Land und vinexhafte Wohnsiedlungen bis hin zum Bauen auf Pfählen und pfannkuchenflacher Landschaft. Besonders all die von Hochspannungsmasten durchzogenen Wüstengrundstücke, auf denen eigentlich längst der Bau irgendeines Gigaprojektes starten sollte, sehen dem Neuland von IJburg kurz vor Baubeginn oft zum Verwechseln ähnlich.


IJburg oder Dubai?

Im Gegensatz zum zerfransten Wildwuchs von Dubai hat Abu Dhabi sogar so etwas wie ein Zentrum, in dem ein wenig Urbanität aufkommt. Extrem skeptisch bin ich allerdings bei Norman Fosters Ökoprojekt Mazdar City. Mit dem Hummer in die Tiefgarage fahren, um dann die letzten 100 Meter im Elektroshuttle zurückzulegen? Ich weiß ja nicht…

Nach fünf Tagen kontinuierlichen Kopfschüttelns (teils aus Entsetzen, teils aus Staunen) hat mich nun das kikkerlandje wieder und fühlt sich auf einmal sowas von authentisch an. Wer hätte das gedacht.


Dubai


Abu Dhabi


Blick vom Burj Khalifa

Eislaufen auf den Grachten

Es darf eisgelaufen werden! Die Amsterdamer Grachten sind freigegeben. Ich schnappe jetzt meine Schlittschuhe und verschwinde…

The Exchange, Stock und Options

Besucher, die mit dem Zug in Amsterdam ankommen und vom Bahnhof aus zu Fuß in Richtung Dam gehen, erwartet kein sehr erbaulicher Spazierweg. Während auf der linken Straßenseite ein Hafenbecken und die Berlage-Börse liegen, säumen ramschige Souvenirläden, Spielhallen, Billighotels und Fastfoodrestaurants die rechte Seite – auf der der breite Fußweg verläuft.

Jetzt gibt es aber wenigstens einen einzelnen Lichtblick in all dem haschparfümierten Neonschrott. Denn auf halbem Weg zwischen Bahnhof und Dam hat das Lloyd Hotel einen Ableger namens The Exchange eröffnet, dessen 61 Zimmer von Studenten des Amsterdam Fashion Institute ausgestattet wurden. Ebenso wie im Mutterhaus, haben die Zimmer 1 bis 5 Sterne. Das wäre für Passanten noch nicht allzu spannend, aber im Erdgeschoss des angrenzenden Gebäudes führen die Hotelbetreiber außerdem ein designiges Café-Restaurant namens Stock und nebenan einen Laden namens Options, in dem es allerlei Designobjekte vom Schal bis zum Stuhl gibt. Eigentlich ist dort so ziemlich alles versammelt, was in den letzten Jahren durch die Designblogs geisterte, wobei der Schwerpunkt deutlich auf niederländischem Design liegt. Der Droogshop wird sich warm anziehen müssen.